Zum InhaltZur Navigation
Analytik NEWS
Das Online-Labormagazin
11.02.2026

05.02.2026

Mikroplastik-Analytik: Harmonisierung statt Einzellösung

Dr. Michael Sturm, Dr. Katrin Schuhen , Wasser 3.0


Die Mikroplastik-Analytik steht vor einer fundamentalen Herausforderung: Trotz des exponentiellen Wachstums an Forschungsarbeiten fehlt es an harmonisierten Methoden, die eine Vergleichbarkeit der Daten ermöglichen. Diese Recherche analysiert die zentrale Problematik des Einzelmethoden-Ansatzes und plädiert für eine systematische Cross-Validierung über multiple analytische Zugänge hinweg.

Die Kernbefunde zeigen, dass Interlabor-Vergleichsstudien erhebliche Variabilitäten zwischen Laboratorien aufweisen. Die EUROqCHARM-Interlabor-Vergleichsstudie mit 98 teilnehmenden Laboratorien zeigt relative Standardabweichungen von 76-96 % bei Testtabletten und 51-130 % bei Sedimentproben [1].

Das fundamentale Problem liegt nicht nur in der Methodenvielfalt selbst, sondern in der unzureichenden Planung von Referenzstudien und dem Mangel an geeigneten Referenzmaterialien [2].

Der Ausweg aus diesem methodischen Dilemma liegt in der konsequenten Implementierung von Spiking- und Wiederfindungsexperimenten als obligatorische Qualitätssicherungs- und Qualitätsmanagement-Werkzeuge. Diese Arbeit dokumentiert den aktuellen Stand der Standardisierungsbemühungen (ISO 24187, EUROqCHARM) und stellt innovative Ansätze wie die Fluoreszenzmikroskopie mit spezialisierten Farbstoffen als kosteneffiziente Screening-Methode vor. Auch werden die neusten Ergebnisse der Methodenvalidierung vorgestellt [3,4].

Die Heterogenität als Herausforderung

Mikroplastik ist als Umweltkontaminant von globalem Interesse zu einem zentralen Forschungsgegenstand geworden. Die wissenschaftliche Gemeinschaft steht dabei vor einem Paradoxon: Je mehr Studien publiziert werden, desto deutlicher wird die mangelnde Vergleichbarkeit der Ergebnisse. In einer kritischen Vergleichsstudie, erreichten nur vier von 50 untersuchten Studien positive Bewertungen für alle vorgeschlagenen Qualitätskriterien [5].

Die Heterogenität der Mikroplastik-Kontamination - charakterisiert durch eine Vielzahl von Polymertypen, Partikelgrößen von 1 µm bis 5 mm, unterschiedliche Formen (Fragmente, Fasern, Filme, Pellets) und variable Matrices (Wasser, Sediment, Boden, Biota, Luft) - macht es unmöglich, mit einer einzigen Analysemethode alle relevanten Aspekte zu erfassen. Dies führt zu der These dieser Arbeit: Nur ein methodenpluralistischer Ansatz mit systematischer Cross-Validierung kann der Komplexität des Problems gerecht werden.

Die Problematik der Einzelmethoden und des latenten Lobbyismus

Vergleich Analysemethoden für Mikroplastik
Tab 1: Vergleich der wichtigsten Analysemethoden für Mikroplastik
Die Mikroplastik-Analytik nutzt heute ein breites Spektrum an Methoden. In einer umfassenden Übersicht wurden die wichtigsten Verfahren evaluiert: Spektroskopische Verfahren (FTIR, Raman) liefern Partikelanzahl, Größenverteilung und Polymertyp, während thermoanalytische Verfahren (Py-GC/MS, TED-GC/MS) Massenkonzentrationen bestimmen [6]. Diese fundamentale Differenz in den Messgrößen macht einen direkten Vergleich der Ergebnisse schwierig.

Struktureller Lobbyismus durch Einzelmethoden-Fokussierung

Ein kritisch zu betrachtender Aspekt ist die Tendenz von Geräteherstellern und Forschungsgruppen, jeweils die von ihnen vertretene Methode als "Goldstandard" zu positionieren. Diese Form des strukturellen Lobbyismus manifestiert sich in verschiedenen Formen:

  • Selektive Darstellung von Methodenvorteilen bei gleichzeitiger Minimierung von Limitationen in Publikationen und Marketingmaterialien
  • Einflussnahme auf Standardisierungsprozesse durch Industrievertreter in ISO- und CEN-Gremien
  • Finanzierung von Forschungsprojekten mit impliziter Erwartung methodenspezifischer Empfehlungen
  • Dominanz in wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Arbeitsgruppen
Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine Fragmentierung des Feldes, bei der verschiedene "Schulen" ihre jeweilige Methodik verteidigen. Selbst innerhalb einzelner Methoden existieren erhebliche Variabilitäten, die auf "individuelle Interpretationen von Methoden und Präparationsprotokollen" zurückzuführen sind.

Der Paradigmenwechsel: Cross-Validierung als Lösungsansatz

Die unterschiedlichen Messgrößen der Analysemethoden sind nicht als Defizit zu betrachten, sondern als komplementäre Informationsquellen zu nutzen. In einer Vergleichsstudie von Py-GC/MS und FTIR-Imaging wird empfohlen: In einem optimalen Workflow sollten beide Techniken für Identifikation und Quantifizierung kombiniert werden [6]. Konkret bedeutet dies: Dieselbe Probe wird zunächst mit FTIR-Imaging für Partikelzählung analysiert und anschließend direkt in Pyrolysecups überführt für die Polymermassenbestimmung via Py-GC/MS. Die übergeordneten Trends der MPKontamination waren zwar sehr ähnlich, jedoch zeigten sich Unterschiede in den Polymerzusammensetzungen.

Studien, die mehrere Methoden kombinieren, zeigen eine höhere Zuverlässigkeit. Eine Studie fand, dass 60 % der untersuchten Studien mehr als eine Methode einsetzen, wobei die häufigste Kombination visuelle Verfahren zur Vorklassifikation mit spektroskopischen Verfahren zur Verifizierung ist [7]. 15 % der Studien nutzen sogar drei oder mehr Methoden.

Befunde aus Interlabor-Vergleichsstudien

Die umfangreichste ILC-Studie wurde im Rahmen des EUROqCHARM-Projekts durchgeführt. Mit 98 teilnehmenden Laboratorien übertraf sie das ursprüngliche Ziel von 30 Laboratorien bei weitem. Die Ergebnisse sind ernüchternd und erhellend zugleich [1]:

  • Relative Standardabweichung (RSD) für Testtabletten: 76-96 %
  • RSD für Sedimentproben: 51-130 %
  • Schlussfolgerung: Die Mikroplastik-Analytik ist zwischen Laboratorien noch nicht harmonisiert
Eine weitere VAMAS-ILC-Studie mit 84 analytischen Laboratorien weltweit untersuchte ISO-zugelassene Techniken [8]. Die Studie zeigte, dass die Mikroplastik-Analyse noch in ihren Anfängen steckt und weitere 10 Jahre zur vollständigen Reife benötigen könnte. Ein kritischer Punkt ist die Identifikation von Messunsicherheitsquellen, die in künftigen ILCs explizit adressiert werden muss.

Das Referenzmaterial-Dilemma

Ein fundamentales Hindernis für vergleichbare Monitoring-Daten ist der Mangel an Standards und (zertifizierten) Referenzmaterialien. Die Herstellung von Referenzmaterialien, die umweltrelevante Mikroplastik-Partikel nachahmen, ist besonders herausfordernd, da diese Partikel irreguläre Formen haben, fragmentiert und oxidiert sind und teilweise mit Biofilmen bedeckt sein können [2].

Das Norwegian Institute for Water Research (NIVA) hat für verschiedene ILC-Studien innovative Referenzmaterialien entwickelt. Die Entwicklung zeigt dabei eine deutliche Lernkurve:

  • Frühe Gelatinekapseln (SCCWRP-Studie): RSDs von 12-24 % für PVC und 12-23 % für PET (50-150 µm)
  • Reproduzierbarkeit PET (50-150 µm): Fehler von 37 % zwischen Batches
  • Spätere Soda-Tabletten (EUROqCHARM): Deutlich verbesserte RSDs von nur 10-13 % für Polymermischungen (50-300 µm)
Die Gelatinekapseln wurden aufgrund praktischer Probleme - insbesondere unvollständiger Auflösung bei einigen Analysemethoden - durch Soda-Tabletten ersetzt, die sich als zuverlässigerer Träger für Mikroplastik-Referenzmaterialien erwiesen.

Hinzukommen die strukturellen Probleme, dass vielerorts Referenzstudien unzureichend geplant werden. Die Problematik beginnt bereits bei grundlegenden Fragen: Welche Polymertypen sollen repräsentiert sein? Welche Größenfraktionen sind relevant? Wie kann die Homogenität der Referenzmaterialien gewährleistet werden? In einer kritischen Vergleichsstudie zeigte sich, dass alle untersuchten Studien in mindestens einer Kategorie 0 Punkte erhielten, was auf systematische Unzuverlässigkeiten hinweist [9].

Der Weg aus dem Drama: Spiking und Wiederfindung als QS/QM-Werkzeug

Spiking-Experimente ("Positivkontrollen") sind essentiell für die Validierung analytischer Methoden. Dabei wird eine Probenmatrix mit bekannten Mengen und Typen von Mikroplastik versetzt, die Probe mit dem zu validierenden Protokoll aufgearbeitet und die Wiederfindungsrate bestimmt. Ohne Positivkontrolle geht ein essentielles Kriterium für die Qualitätssicherung verloren [10].

Eine Meta-Analyse über 71 Wiederfindungsstudien zeigt jedoch alarmierende Befunde: Methoden werden selten oder schlecht validiert. Die durchschnittliche Unterschätzung von Mikroplastik in der Umwelt beträgt etwa 14 %, variiert aber erheblich je nach Methode und Matrix. Wiederfindungsraten aus Pflanzenmaterial, Organismen und Exkrementen liegen bei >88 %, während Fischmehl, Wasser und Boden nur 58-71 % erreichen [11].

Es gibt aber auch kritische Punkte. Die Wiederfindung von Mikroplastik wird durch mehrere Faktoren beeinflusst, die bei der Planung von QS/QM-Maßnahmen zu berücksichtigen sind:

  • Partikelform: Fragmente (77-80 % Wiederfindung) vs. Fasern (20-33 %)
  • Matrixkomplexität: Wässrige Proben einfacher als Sediment/Schlamm
  • Anzahl der Aufarbeitungsschritte: Mehr Schritte = niedrigere Wiederfindung
  • Alterungszustand: Gealterte MP können bis zu 6x niedrigere Wiederfindung als nicht gealterte MP zeigen
Ein innovativer Ansatz für präzise Methodenvalidierung nutzt Kaliumbromid (KBr)-Pellets mit eingebetteten Mikroplastik-Partikeln. Wiederfindungsraten von 95,6-99,2 % wurden für Partikelgrößen bis hinunter zu 10 µm erreicht [12].

Fluoreszenzmikroskopie als kosteneffiziente Screening-Methode

Während etablierte Methoden wie Raman-Spektroskopie und Py-GC/MS zeitaufwendig sind und geschultes Personal sowie teure Ausrüstung erfordern, besteht ein dringender Bedarf an kostengünstigen und einfach anwendbaren Methoden. Die Färbung von Mikroplastik mit Fluoreszenzfarbstoffen hat das Potenzial, diese Kriterien zu erfüllen. Jedoch liefern viele untersuchte Farbstoffe, darunter Nilrot und Rhodamin B fehlerhafte und nicht reproduzierbare Ergebnisse. In einer wegweisenden Vergleichsstudie wurden Nilrot und drei neu entwickelte Derivate getestet, mit dem Ziel einer größeren Selektivität für Kunststoffpartikel und intensiverer Fluoreszenz [3].

Die chemische Modifikation führte zu einer verbesserten Interaktion mit Mikroplastik und einer besseren Selektivität sowie stärkeren Fluoreszenzsignalen führen. Der neu entwickelte Fluoreszenzfarbstoff abcr eco Wasser 3.0 detect mix MP-1 (oder kurz: MP-1) bietet die Möglichkeit, das Potenzial der Mikroplastik-Detektion mittels Fluoreszenzmarkern signifikant zu erhöhen und die Methode zuverlässiger zu machen, da er zwischen natürlichen und synthetischen Partikeln unterscheiden kann. Dies war lange Zeit ein limitierender Faktor bei allen Entwicklungen.

Dadurch konnte eine vollständige Prozedur von der Probennahme über die Probenaufbereitung bis zur Detektion mit geringen Kosten- und Zeitanforderungen veröffentlicht werden [13]. Die optimierte Methode erreicht Wiederfindungsraten von 93,3 % (Polypropylen) bis 101,7 % (Polyester) bei einer Gesamtprobenvorbereitungs- und Messzeit von nur 2,5-3 Stunden pro Probe, wobei nur etwa 20 Minuten reine Arbeitszeit pro Probe anfallen [14]. Dies macht die Methode besonders geeignet für die Untersuchung zeitlicher Variationen der Mikroplastik-Kontamination, die eine große Anzahl von Proben erfordert.

Fluoreszenzmikroskopie im Langzeit-Monitoring

Die Praxistauglichkeit der Fluoreszenzmethode wurde in mehreren Langzeit-Studien nachgewiesen. Ein 27-monatiges Monitoring an einer kommunalen Kläranlage in Rheinland-Pfalz durch (320 Proben) [15]. Die Ergebnisse zeigen hohe zeitliche Variationen der Mikroplastik-Konzentrationen im Kläranlagen-Ablauf, was darauf hinweist, dass hohe Probenzahlen notwendig sind, um eine repräsentative Bewertung der Mikroplastik-Emissionen zu erhalten - Einzelproben sind aufgrund der hohen Variation nicht repräsentativ.

In einer weiteren vergleichenden Langzeitstudie wurden drei verschiedene kommunale Kläranlagen mit unterschiedlichen Reinigungskonzepten untersucht: eine konventionelle Dreistufen-Anlage, eine mit zusätzlicher vierter Reinigungsstufe (Pulveraktivkohle) und eine Zweistufen-Anlage mit Membranbioreaktortechnologie (MBR) [16]. Trotz der verschiedenen Behandlungstechnologien zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in der resultierenden Mikroplastik-Kontamination der Abläufe - Kläranlagen sind unabhängig von der Anzahl der Behandlungsstufen nicht in der Lage Mikroplastik vollumfänglich zu entfernen. Die vorhandenen Technologien sind nicht darauf ausgelegt.

Für das Monitoring von Fließgewässern wurde die Fluoreszenzmethode an drei deutschen Flüssen validiert [17]. Die Ergebnisse zeigen hochgradig heterogene Verteilungen von 4 bis 1761 MP/L mit ausgeprägten zeitlichen Fluktuationen, die mit wechselnden Einträgen, Wetterereignissen und Hydrodynamik verknüpft sind. Durch Vergleich von 0,5 L Schöpfproben mit 100 L Pumpproben wurde gezeigt, dass die Pumpprobenahme 4,7-fach höhere MP-Konzentrationen bei verbesserter Reproduzierbarkeit (RSD: 27 ± 25 % vs. 49 ± 33 %) liefert.

Aus den Ergebnissen abgeleitet bietet die Fluoreszenzmikroskopie mit spezialisierten Farbstoffen als Screening-Methode entscheidende Vorteile, darunter:

  • Kosteneffizienz: Geringe Investitions- und Betriebskosten im Vergleich zu spektroskopischen Methoden
  • Hoher Probendurchsatz: 20-30 min Arbeitszeit pro Probe ermöglichen Langzeit-Monitoring
  • Einfache Handhabung: Keine aufwendige Schulung erforderlich
  • Hohe Wiederfindungsraten: 93-102 % für gängige Polymere

Fluoreszenzmikroskopie: Genauigkeit und Vergleichbarkeit

Die präzise Quantifizierung von Mikroplastik (MP) in Gewässern ist schwierig, da die Partikel ungleich verteilt sind. Es wurden Messschwankungen in vier Wasserarten untersucht: Ablauf aus Kläranlagen, Trinkwasser, Mischwasserüberläufe und Oberflächengewässer. Verglichen wurden zwei Probenahmestrategien: klassische Stichproben (0,5 L) und Großvolumenfiltration mit einer Particle Sampling Unit (PSU; 100 L, 10 µm-Sieb, Teilproben). Die Proben wurden oxidativ aufgeschlossen, mit einem Fluoreszenzmarker angefärbt (abcr eco Wasser 3.0 detect mix MP-1, AB930015, abcr GmbH, Karlsruhe) und automatisiert mikroskopisch ausgewertet.

Wiederfindungsraten mit Polyamid-Referenzpartikeln zeigten hohe Genauigkeiten. Die Wiederfindungsraten lagen bei 93 ± 7 % (Stichproben) und 88 ± 23 % (PSU, vollständige Filteranalyse). Statistische Modellierungen ergaben, dass für einen Fehlerbereich von ±25 % (95 %-Konfidenzintervall) 21 PSU-Proben, aber 51 Stichproben nötig wären. Dies zeigt den Effizienzvorteil großer Probenvolumina. Die quadratische Beziehung zwischen Fehlermarge und Stichprobengröße unterstreicht die Bedeutung methodischer Optimierung.

Die Kernaussage: Großvolumenprobenahme kombiniert mit Fluoreszenzmarkierung bietet eine robuste, präzise und kosteneffiziente Strategie zur Mikroplastikmessung in unterschiedlichen Gewässern. Stichproben sind weniger genau, eignen sich aber zur ersten Abschätzung der Kontamination oder in hoch belasteten Abwässern.

Die Fluoreszenzmikroskopie ist auf die Konzentrationsbestimmung ausgelegt. Eine Limitation ist aus diesem Grund die fehlende Möglichkeit der direkten Polymertyp-Identifikation (Screening-Charakter. Diese Limitation wird mit Hilfe des neu entwickelten KI-Tools eliminiert [18]. Auch war lange Zeit nur eine eingeschränkte Detektion von schwarzen Partikeln wie Reifenabrieb aufgrund von Fluoreszenz-Quenching fehlerbehaftet. Eine Modifikation im Marker ermöglicht zukünftig auch die Erfassung dieser Partikel. Zusätzlich empfiehlt sich immer für eine vollständige Charakterisierung die Kombination mit spektroskopischen Verfahren zur Verifizierung repräsentativer Teilproben.

Wo stehen wir hinsichtlich internationaler Standardisierungsbemühungen?

Im September 2023 veröffentlichte die ISO den Standard ISO 24187 "Principles for the analysis of microplastics present in the environment". Dieser Standard definiert Mikroplastik als feste Kunststoffpartikel, die in Wasser unlöslich sind und mindestens eine Dimension zwischen 1 µm und 1000 µm haben. Wichtig ist, dass der Standard keinen einzelnen Ansatz vorschreibt, sondern mehrere analytische Methoden auflistet und allgemeine Richtlinien für Probenahme, Probenvorbereitung und Datenverarbeitung bietet.

Das EU H2020-Projekt EUROqCHARM vereint 15 Schlüsselakteure der europäischen Plastikforschung unter Koordination des Norwegian Institute for Water Research [1]. Das Projekt hat einen innovativen Ansatz entwickelt: "Reproducible Analytical Pipelines" (RAP), die alle Elemente der analytischen Kette abdecken und mittels Technology Readiness Level (TRL) bewertet werden.

EUROqCHARM erkennt an, dass Harmonisierung für großangelegtes Monitoring Flexibilität, Vergleichbarkeit und Zuverlässigkeit erfordert. Dies steht im Kontrast zum Einzelmethoden-Ansatz und unterstützt die These dieser Arbeit: Nicht eine "einzig wahre" Methode, sondern ein Portfolio validierter Verfahren ist der Schlüssel zur Lösung.

Und dennoch sind Empfehlungen für die Praxis möglich

Basierend auf der Analyse des aktuellen Forschungsstands und der Standardisierungsbemühungen werden folgende Empfehlungen formuliert:

  1. Obligatorische Positivkontrollen: Jede Studie muss Spiking-Experimente mit dokumentierten Wiederfindungsraten enthalten. Ohne diese Information sind quantitative Ergebnisse nicht belastbar.
  2. Methodenkombination: Mindestens zwei komplementäre Analysemethoden sollten eingesetzt werden. Für kosteneffizientes Screening eignet sich die Fluoreszenzmikroskopie, für Polymeridentifikation spektroskopische Verfahren.
  3. Standardisierte Berichterstattung: Anwendung der Reporting Guidelines mit vollständiger Dokumentation von Größenbereichen, Polymertypen und Messunsicherheiten [7].
  4. Verwendung zertifizierter Referenzmaterialien: Wo verfügbar, sollten CRMs eingesetzt werden; andernfalls sind hausgemachte Spiking-Lösungen mit dokumentierter QA/QC zu verwenden.
  5. Umweltrelevante Spiking-Materialien: Die Eigenschaften der gespikten Partikel sollten möglichst den in realen Proben erwarteten Partikeln entsprechen, einschließlich gealterter Materialien.
  6. Hohe Probenzahlen für repräsentative Daten: Einzelproben sind nicht repräsentativ. Langzeit-Monitoring mit standardisierten Methoden ist essenziell.
  7. Kritische Bewertung von Lobbying: Interessenkonflikte von Autoren und finanzierenden Institutionen sollten transparent deklariert und bei der Interpretation von Methodenempfehlungen berücksichtigt werden.

    Turnaround oder Sackgasse?

    Die Mikroplastik-Analytik befindet sich an einem kritischen Wendepunkt. Die Fragmentierung durch Einzelmethoden-Lobbyismus und die mangelnde Vergleichbarkeit von Studienergebnissen gefährden die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit des gesamten Forschungsfeldes. Der Weg aus diesem Dilemma führt nicht über die Suche nach einer "Goldstandard"-Methode, sondern über die Akzeptanz methodischer Vielfalt bei gleichzeitiger Etablierung strenger Qualitätskriterien.

    Spiking und Wiederfindung sind dabei nicht optional, sondern konstitutiv für jede belastbare Mikroplastik-Studie. Die Entwicklung kosteneffizienter Screening-Methoden wie der Fluoreszenzmikroskopie mit spezialisierten Farbstoffen ermöglicht erstmals systematisches Langzeit-Monitoring mit hohen Probenzahlen. Diese Methoden sollten jedoch nicht isoliert, sondern als Teil eines methodenpluralistischen Ansatzes mit Cross-Validierung durch spektroskopische Verfahren eingesetzt werden.

    Die Zukunft liegt in der transparenten Kommunikation von Messunsicherheiten und der Bereitschaft, methodische Grenzen anzuerkennen. Nur so kann die Mikroplastik-Forschung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden: zuverlässige Daten zu liefern, die evidenzbasierte politische Entscheidungen ermöglichen.

    Funding

    Spendenaufruf gegen MikroplastikTeile der hier präsentierten Arbeiten wurden im Rahmen des Innovationsprogramms HORIZON EUROPE der Europäischen Union unter den Fördervereinbarungen 101112877 kofinanziert.

    Diese Veröffentlichung gibt ausschließlich die Ansichten des Autors wieder, und die Europäische Kommission kann nicht für die Verwendung der darin enthaltenen Informationen verantwortlich gemacht werden. Die Arbeiten im Bereich der Mikroplastik-Analytik wurden von der Veolia-Stiftung (Deutschland) unterstützt.

    Danksagung

    Die Autoren danken den Entsorgungs- und Wirtschaftsbetrieben Landau (EWL, Deutschland) und der abcr GmbH Karlsruhe für die projektbezogene Unterstützung. Auch danken sie Mirjam Wielandt für ihre Unterstützung im Rahmen ihrer Technikerarbeit.

    Literaturverzeichnis

    1. EUROqCHARM. Analysis of microplastics in environmental matrices: results of the interlaboratory comparison study. (Zugriff am 23. Januar 2026).
    2. Martinez-Francés, E.; van Bavel, B.; Hurley, R.; Nizzetto, L.; Pakhomova, S.; Buenaventura, N.T.; Singdahl-Larsen, C.; Magni, M.-L.T.; Johansen, J.E.; Lusher, A. Innovative reference materials for method validation in microplastic analysis including interlaboratory comparison exercises. Anal. Bioanal. Chem. 2023, 415, 2907-2919.
    3. Sturm, M.T.; Horn, H.; Schuhen, K. The potential of fluorescent dyes-comparative study of Nile red and three derivatives for the detection of microplastics. Anal. Bioanal. Chem. 2021, 413, 1059-1071.
    4. Sturm, M.; Wielandt, M.; Ronsse, P.; Korzin, A.; Myers, E.; Schuhen, K. Comparing Sampling Strategies for Microplastic Analysis in Aquatic Environments: Precision, Recovery, and Sample Size Requirements. MDPI Clean Technol. 2026, submitted for revision 9 Jan 2026.
    5. Koelmans, A.A.; Mohamed Nor, N.H.; Hermsen, E.; Kooi, M.; Mintenig, S.M.; France, J. de. Microplastics in freshwaters and drinking water: Critical review and assessment of data quality. Water Res. 2019, 155, 410-422.
    6. Primpke, S.; Christiansen, S.H.; Cowger, W.; Frond, H. de; Deshpande, A.; Fischer, M.; Holland, E.B.; Meyns, M.; O'Donnell, B.A.; Ossmann, B.E.; et al. Critical Assessment of Analytical Methods for the Harmonized and Cost-Efficient Analysis of Microplastics. Appl. Spectrosc. 2020, 74, 1012-1047.
    7. Cowger, W.; Gray, A.; Christiansen, S.H.; DeFrond, H.; Deshpande, A.D.; Hemabessiere, L.; Lee, E.; Mill, L.; Munno, K.; Ossmann, B.E.; et al. Critical Review of Processing and Classification Techniques for Images and Spectra in Microplastic Research. Appl. Spectrosc. 2020, 74, 989-1010.
    8. Ciornii, D.; Hodoroaba, V.-D.; Benismail, N.; Maltseva, A.; Ferrer, J.F.; Wang, J.; Parra, R.; Jézéquel, R.; Receveur, J.; Gabriel, D.; et al. Interlaboratory Comparison Reveals State of the Art in Microplastic Detection and Quantification Methods. Anal. Chem. 2025, 97, 8719-8728.
    9. Hermsen, E.; Mintenig, S.M.; Besseling, E.; Koelmans, A.A. Quality Criteria for the Analysis of Microplastic in Biota Samples: A Critical Review. Environ. Sci. Technol. 2018, 52, 10230-10240.
    10. McIlwraith, H.K.; Lindeque, P.K.; Tolhurst, T.J.; Cole, M. Positive controls with representative materials are essential for the advancement of microplastics research. Micropl.&Nanopl. 2025, 5.
    11. Way, C.; Hudson, M.D.; Williams, I.D.; Langley, G.J. Evidence of underestimation in microplastic research: A meta-analysis of recovery rate studies. Sci. Total Environ. 2022, 805, 150227.
    12. Badzoka, J.; Kappacher, C.; Lauß, J.; Obwaller, L.; Pavun, A.; Huck, C.W. Enabling analytical precision in microplastic analysis: innovative solutions for precise method validation, evaluation and quality control. Micropl.&Nanopl. 2025, 5.
    13. Sturm, M.T.; Myers, E.; Schober, D.; Korzin, A.; Schuhen, K. Development of an Inexpensive and Comparable Microplastic Detection Method Using Fluorescent Staining with Novel Nile Red Derivatives. Analytica 2023, 4, 27-44.
    14. Sturm, M.T.; Myers, E.; Korzin, A.; Polierer, S.; Schober, D.; Schuhen, K. Fast Forward: Optimized Sample Preparation and Fluorescent Staining for Microplastic Detection. Microplastics 2023, 2, 334-349.
    15. Sturm, M.T.; Myers, E.; Korzin, A.; Schober, D.; Schuhen, K. Long-Term Monitoring of Microplastics in a German Municipal Wastewater Treatment Plant. Microplastics 2024, 3, 492-502.
    16. Sturm, M.T.; Argyropoulou, D.; Myers, E.; Korzin, A.; Ronsse, P.; Zernikel, O.; Schober, D.; Schuhen, K. Comparative Long-Term Monitoring of Microplastics in the Effluent of Three Different Wastewater Treatment Plants with Two, Three, and Four Treatment Stages. Water 2025, 17, 711.
    17. Sturm, M.T.; Korzin, A.; Ronsse, P.; Myers, E.; Zernikel, O.; Schober, D.; Schuhen, K. Reliable River Microplastic Monitoring Using Innovative Fluorescence Dyes - A Case Study. Microplastics 2025, 4, 63.
    18. Meyers, N.; Catarino, A.I.; Declercq, A.M.; Brenan, A.; Devriese, L.; Vandegehuchte, M.; Witte, B. de; Janssen, C.; Everaert, G. Microplastic detection and identification by Nile red staining: Towards a semi-automated, cost- and time-effective technique. Sci. Total Environ. 2022, 823, 153441.


    » Artikel als pdf (259 KByte) PDF