Header
Das Online-Labormagazin
23.09.2021

22.07.2021

Die ersten Göttinger Chemiker

Prof. Wolfgang Hasenpusch

Teilen:


Wer der Universitätsstadt Göttingen einen Besuch abstattet, begibt sich in ein Reich der Naturwissenschaft, und darf ehrfurchtsvoll über die vielen Namenstafeln berühmter Persönlichkeiten an den Häuserwänden staunen. Ein besonders eindrucksvolles Bild namhafter Wissenschaftler geben die Chemiker ab.

Seit Gründung der Georg-August-Universität im Jahre 1734 durch den Kurfürsten von Hannover und König von Großbritannien Georg II. August (1683, Hannover-1760, London), haben sich zahlreiche Chemiker als dort Ausgebildete oder als Dozenten um ihre Ausbildungsstätte verdient gemacht.

Noch bevor 1901 die ersten Nobelpreise für herausragende Arbeiten verliehen wurden, galt Göttingen als ein weltweit anerkanntes Zentrum für Chemie und Physik. Nach der Jahrhundertwende dominierten Göttinger Naturwissenschaftler derart, dass der Begriff "Göttinger Nobelpreis-Wunder" die Runde an den Universitäten machte. Göttingen kann sich 44 Nobelpreis-Laureaten rühmen, deren Lebensläufe sich mit der Wissenschaftsstadt verbanden, 12 davon aus dem Reich der Chemie [1]. Den berühmten Göttinger Chemikern soll im Folgenden eine erhöhte Beachtung gelten.

Die Universität kann auf eine lange Reihe Chemiker blicken, die zur Zeit ihrer Gründung die Weichen dieser neuen Naturwissenschaft der Stoffe und ihrer Eigenschaften stellten. In besonderem Maße zählen dazu der Universalgelehrte Georg-Christoph Lichtenberg, Friedrich Strohmeyer, Leopold Gmelin sowie der Revolutionär der Chemie, Friedrich Wöhler.

Georg-Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Georg Christoph Lichtenberg
Abb.1: Georg Christoph Lichtenberg.
Universal-Gelehrter an der Uni Göttingen
Der umtriebige Physiker, Naturforscher, Mathematiker, Schriftsteller und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik im Zeitalter der Aufklärung, Georg-Christoph Lichtenberg, gilt zudem noch durch die Aufzeichnungen seiner Gedanken als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus. Mit seinen aufsehenerregenden Experimenten ist er als einer der wichtigsten Begründer der modernen naturwissenschaftlichen Methodik anzusehen [2].

Der in Ober-Ramstadt bei Darmstadt geborene, zeitlebens kränkliche Allround-Professor starb bereits mit 57 Jahren in Göttingen. Mit seinem Denkmal im Zentrum der Stadt lebt er allerdings weiter (Abbildung 1).

Friedrich Strohmeyer (1776-1835)

Der Chemiker Friedrich Strohmeyer wuchs in Göttingen auf und die Professorenschaft der Universität trug ihn dort auch zu Grabe. Schon sein Vater lehrte als Mediziner in Göttingen.

1805 führte er, mittlerweile selbst Professor der Chemie, ein chemisches Praktikum für Studenten ein. 1817 entdeckte er das chemische Element Cadmium. Friedrich Strohmeyer analysierte und beschrieb viele Minerale, so unter anderem auch erstmals [3]:

  • "Eudialyt": Na15Ca6Fe3Zr3Si(Si25O73)(O,OH,H2O)3(Cl,OH)2
  • "Aragonit": CaCO3,
  • "Calcit": CaCO3 (Isländer Doppelspat, Kalkspat),
  • "Aluminit": Al2[(OH)4|SO4] •7 H2O
  • "Magnesit": MgCO3
  • "Polyhalit": K2Ca2Mg(SO4)4 • 2H2O
  • "Vulpinit" (Varietät von Anhydrit): CaSO4
  • "Strontianit": SrCO3
  • "Coelestin":SrSO4
  • "Baryt" (Schwerspat): BaSO4.

Ihm folgte auf dem Lehrstuhl der Chemie nach seinem frühen Tod 1836 Friedrich Wöhler mit seiner ersten Professur.

Friedrich Wöhler
Abb.2: Der Chemiker Friedrich Wöhler
1856 und als Jugendlicher
Friedrich Wöhler (1800-1882)

Der 1800 in Frankfurt am Main geborene Friedrich Wöhler gilt als der Vorzeige-Chemiker Göttingens (Abbildung 2). Als er 1836 nach Göttingen kam, hatte er bereits die Promotion als Mediziner hinter sich und Dicyan und Cyanursäure dargestellt (Abbildung 3).

1825 bis 1831 arbeitete er als Lehrer an der Berliner Gewerbeschule, wo ihm die Entdeckung der Harnstoff-Synthese gelang (Abbildung 4) und 1828 auf königlichen Erlass der Titel eines Professors verliehen wurde, gefolgt von einer fünfjährigen Lehrtätigkeit an der Höheren Gewerbeschule in Kassel.

Wöhler Synthesen 1
Abb.3: Oxalsäure-Synthese aus Dicyan, Abb.4: Harnstoff-Synthesen

Schon 1827, hatte er eine Reduktions-Methode zur Herstellung von reinem Aluminium entwickelt, der auch als "Wöhler-Prozess" bekannt ist [4]. Mit dem gleichen Verfahren gelang ihm 1828 die Isolierung von Beryllium und Yttrium sowie 1856 auch die Darstellung von kristallinem Silizium (Abbildung 5).

Bedeutsam zeigten sich auch Wöhlers Arbeiten zur Synthese von Calciumcarbid, CaC2, sowie 1862 des Hydrolyse-Produktes Acetylen (Ethin) (Abbildung 6), weiterhin die Umsetzung von Benzoesäure aus Benzaldehyd und von Hydrochinon aus Chinon sowie die Isolierung von Nickel aus dem roten Nickelarsenid, NiAs.

Wöhler Synthesen 2
Abb.5: Der "Wöhler-Prozess" und die analogen modernen Verfahren zur Darstellung reiner Elemente
Abb.6: Acetylen-Synthesen nach Davy und Wöhler

Im engen Kontakt mit dem Gießener Chemiker Justus Liebig entwickelte Wöhler um 1830 eine spezielle "Radikal-Theorie" [5]. Unter Radikalen verstand man damals noch Element-Gruppen (Abbildung 7).

Einige seiner Synthesen fanden nur wenig Beachtung unter Kollegen. Erst im Nachhinein entwickelte sich ein Mythos um den Beginn der Organischen Chemie mit der Harnstoff-Synthese 1828, da bis dahin die feste Überzeugung unter den Wissenschaftlern herrschte, dass nur lebende Körper in der Lage wären, organische Stoffe zu erzeugen.

Seit 1890 schaut Friedrich Wöhler auf hohem Podest in die Altstadt Göttingens (Abbildung 8), wo er mit seiner achtköpfigen Familie bis 1882 lebte [6, 7].

Radikal-Theorie
Abb.7:"Radikal-Theorie" (1830) von Justus v. Liebig, Friedrich Wöhler und Auguste Laurent zum Aufbau organischer Verbindungen
Abb.8: Ehrungen für Wöhler: die 50-Pf-Sondermarke der Deutschen Bundespost (1982) und das Denkmal in Göttingen (1890)

Leopold Gmelin (1788-1853)

Als Sohn eines Arztes und Chemikers wuchs Leopold Gmelin schon früh in einer der Naturwissenschaft zugetanen Umgebung auf. Mit 16 Jahren hörte er die Chemie-Vorlesungen seines Vaters in Göttingen. Nach kürzeren Studien-Aufenthalten in Tübingen und Wien habilitierte sich Gmelin 1815 in Göttingen, um im gleichen Jahr eine Stelle als außerordentlicher Professor in Heidelberg anzutreten. Nach Ablehnung eines Rufes an die Universität Berlin stieg er bereits zwei Jahre später in Heidelberg zum Ordinarius für Chemie auf [8].

Bilirubin Cholesterin
Abb.9: Gallenfarbstoff Bilirubin, ein Abbau-Produkt des Hämoglobins in der Galle
Abb.10: Gmelins Entdeckung von Taurin und Cholesterin im Gallensaft, zusammen mit Friedrich Tiedemann (1781-1861)

Auf dem Gebiet der Verdauungschemie entdeckte Gmelin später mehrere Bestandteile der Galle, wie z. B. das Bilirubin (Abbildung 9), und führte einen nach ihm benannten Gallenfarbstoff-Test ein. Ferner entdeckte er zusammen mit Friedrich Tiedemann (1781-1861) im Gallensaft das Taurin und das Cholesterin (Abbildung 10). Diese Arbeiten gelten als Geburtsstunde der "Physiologischen Chemie".Bei der Zusammenarbeit mit Friedrich Wöhler, der sich 1822 mit komplexen Cyan-Verbindungen beschäftigte, entdeckte Gmelin das Rote Blutlaugensalz (Abbildung 11), dessen wässerige Lösung sich unter Licht-Einwirkung allmählich zersetzt [9]:

K3[Fe(CN)6] + 3 H2O → Fe(OH)3 + 3 KCN + 3 HCN.

Des Weiteren befasste sich Gmelin mit mineralogischen Studien und Analysen, etwa mit denen des "Haüyn", mit dem er sich in Göttingen habilitiert hatte, oder des "Laumontits" und des "Cordierits" (Abbildung 12).

Rotes Blutlaugensalz, Haüyn
Abb.11: Struktur und Eigenschaften der "Roten Blutlaugensalzes", Abb.12: Gmelins Mineralstudien und Habilitation in Göttingen

Ehrung Gmelin
Abb.13: Briefmarke zu Ehren L. Gmelins und "Gmelins
Handbuch der anorganischen Chemie" (1817)
Gmelin gab das "Handbuch der theoretischen Chemie" heraus, das als "Gmelins Handbuch der anorganischen Chemie" bis 1997 fortgeführt wurde (Abbildung 13). Es war zunächst als Lehrbuch gedacht, welches das gesamte damalige chemische Wissen darstellen sollte.

Bis 1997 umfasste der "Gmelin" ca. 800 Bände, die das "Gmelin-Institut" herausbrachte. Die "Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh)" in Frankfurt am Main führt das "Handbuch" mit der Datenbank "Reaxys" fort, die auch den "Beilstein" und die Chemie-Patente umfasst [10]. Mit nur 65 Jahren verstarb Leopold Gmelin an den Folgen zweier Herzinfarkte in Heidelberg.

Literatur

  1. Dahlke, C.: "Göttingen, traditionsreiche Universitätsstadt, Schöning's Reiseführer, ISBN 978-3-89917-335-2
  2. Wikipedia (G.C. Lichtenberg)
  3. Wikipedia (F. Strohmeyer)
  4. Huber, M. J.: "Struktur, Stabilität und Funktionalisierung metalloider Aluminiumcluster", Cuvillier-Verl. (2008)
  5. Wikipedia (Radikaltheorie)
  6. Wikipedia (F. Wöhler)
  7. Franck, B.: "250 Jahre Chemie in Göttingen", Naturwissenschaften in Göttingen, Vandenhoeck + Ruprecht Gm, Göttingen (1988) 72 ISBN 3-525-35843-1
  8. Wikipedia (L. Gmelin)
  9. Wikipedia (Kaliumhexacyanidoferrat(III))
  10. Reaxys®


» Artikel als pdf