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05.02.2023

01.12.2022

Weihrauch - Zwischen Wunderdroge und Gefahrstoff

Prof. Wolfgang Hasenpusch , CLB Chemie in Labor und Biotechnik

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Seit Jahrtausenden dient Weihrauch mit seinem aromatisch scharfen Duft und seiner heilsamen Wirkung für eine Vielzahl von Krankheiten dem Menschen. Dieses einst so kostbare Harz des arabischen Weihrauch-Baumes bestimmte den Handel einer ganzen Epoche vorchristlicher Jahrhunderte. Noch heute erfreuen sich die Menschen an dem aromatisch feierlichen Duft bei kirchlichen Festen und an den wohltuenden Salben, Ölen und der Schmerzlinderung durch innere Einnahmen der Weihrauchharz-Extrakte.

Oft berichtet die Literatur in erstaunender Weise über die Freiheit jeglicher Nebenwirkungen. Dabei enthalten die duftenden Harze allergen wirkende Terpene, und mitunter klagen Menschen, die dem Weihrauch-Dämpfen intensiver ausgesetzt waren, über Kopfschmerzen. Stehen diese Symptome unter einem heimlichen Tabu?

Der Weihrauchbaum, wächst in seiner anspruchsarmen Art in den kargen Fels- und Klippenlandschaften des nordöstlichen Afrikas, Arabiens und Indiens bis in Höhen von 1.200 Meter über Meereshöhe. Die Gattung "Boswellia" zählt zur Familie der Balsam-Gewächse, der "Burseraceae". Die Landschaften prägten die verschiedenen Tropenholz-Baumarten, wie

  • "Boswellia dalzielii" in Nigeria und Burkina Faso,
  • "Boswellia frereana in Somalia,
  • "Boswellia papyrifera, "Boswellia neglecta und "Boswellia carterii" in Westafrika,
  • "Boswellia sacra" in Arabien oder
  • Boswellia serrata" in Indien [1].
Weihrauch-Baum
Abb.1: Weihrauch-Baum in Oman
Die Weihrauch-Bäume erreichen eine Höhe von acht Metern; in der Regel wachsen sie vier bis fünf Meter hoch (Abbildung 1). Die kleinen, stark verästelten Bäume mit ihrer papierähnlichen Rinde, den gefiederten, mehr oder weniger weich behaarten, ganzrandigen oder gekerbt-gesägten Blättern und ihren kleinen blassgelben sternförmigen Blüten wachsen für Wirtschafts-Betriebe in Anpflanzungen [2,3]. Die fünfzähligen Blüten sind zwittrig, wobei die fünf Kronblätter Farben von Weiß mit grünlichen, gelblichen und rosafarbenen Tönen annehmen können. Sie bilden nach der Blütezeit im April eine dreikantige Steinfrucht [4]. Die Wurzeln der Weihrauch-Bäume reichen bis zu 30 m tief in den Boden, um dort auf Wasser führende Schichten zu gelangen.

Als frühestes Zentrum der Weihrauch-Bäume gilt der Süden der Arabischen Halbinsel mit den Provinzen Hadramaut im Jemen und Dhofar im Sultanat Oman. Von Dhofar führte die 3.000 km lange "Weihrauchstraße" ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. über Marib, Nedjran, Mekka, Medina und Pedra bis nach Gaza an die Küsten des Mittelmeers sowie nach Damaskus [5]. Über die ursprünglichen Weihrauch-Anpflanzungen lag ein geheimer Mantel des Schweigens. Zudem sicherten Wachposten die Handelswege. Erst in frühislamischer Zeit büßte die Weihrauchstraße ihre Bedeutung ein [6]. Grund für die Einrichtung dieses Handelsweges waren die aromatischen Harze der Boswellia-Arten.

Weihrauch
Abb.2 (oben): Weihrauch-Harz am Stamm
Abb.3 (unten): Weihrauch im Handel
Das Harz der Weihrauch-Bäume

Diese Weihrauchbaum-Arten produzieren ab Frühjahr ein gummiartiges weißliches Harz, das schon bei den begüterten Ägyptern vor 4.000 Jahren als aromatisches, desinfizierendes und entzündungshemmendes Räucher- und Heilmittel in Gebrauch war. Beim Anschneiden der Baum- und Astrinde quillt das weißliche Harz, wie bei den Gummibäumen aus dem Stamm (Abbildung 2).

Wenn im April eines jeden Jahres die Erntezeit des Weihrauchbaum-Harzes beginnt, erhalten die Weihrauch-Bauern zunächst ein minderwertiges Harz, das in den kommenden Monaten immer gehaltvoller an Aromen wird. Die jährliche Harz-Ausbeute eines Weihrauchbaumes kann bis zu 10 kg betragen. In den Handel kommt das Weihrauchharz als kugelig, stückiges gelbraunes Material (Abbildung3), als Weihrauch-Öl oder als Räuchermittel auch in Form eines Gemisches mit anderen wohlduftenden Kräutern und Harzen.

Weihrauch-Anwendungen

Dem Wort "heilig" ist heute noch zu entnehmen, wie Religion und die Kunst des Heilens im Altertum eng miteinander verbunden waren. So belegen auch dreieinhalbtausend Jahre alte Schriften aus dem Nil-Tal den Nutzen des Weihrauchharzes für Salben und Wundbehandlungen. Der Rauch und der Duft, der sich beim Verbrennen von Weihrauch entwickelt, verwenden Priester schon seit uralten Zeiten.

Olibanum, das Harz der Weihrauch-Bäume, mit seinem balsamisch-würzigen, leicht limonenhaften typischen Duft mit koniferigen und kienigen Untertönen hat auch die Parfüm- und Kosmetik-Industrie seit vielen Jahren entdeckt [1]. Den hohen unerschwinglichen Preis hat das Harz des Weihrauch-Baumes heute eingebüßt, denn in reiner Form ist er bereits zwischen 72 und 95 Euro je Kilogramm zu beziehen. Das macht schon mehr als einen Liter aus, denn die Schüttdichten schwanken um 0,8 kg/Liter, die reinen Dichten liegen um 1.0 kg/Liter.

Weihrauch in der Heilkunde

Neben der Mumien-Einbalsamierung der Pharaonen und der Behandlung von Wunden, bezogen auch die Ärzte in den späteren griechischen und römischen Reichen, wie beispielsweise der berühmteste Arzt des Altertums Hippokrates von Kos (460 - 370 v. Chr.), große Mengen an Weihrauchharz, die sie gegen Atemwegs-Erkrankungen und bei Verdauungs-Problemen einsetzten. Obwohl über die Wirkungsmechanismen nichts bekannt war, ermunterten die guten Erfahrungen auch die bekannte Benediktiner-Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 - 1179), das Weihrauchharz zu verabreichen. Entwicklungen der modernen Medizin auf den Gebieten der Antibiotika und Kortikoide ließen das Wissen der Erfahrungsmediziner nach 1875 in Vergessenheit geraten. Durch eine gewisse Rückbesinnung auf althergebrachte Naturheilmittel nahm die Bedeutung der Weihrauchharze und Öle wieder zu.

Aus alten afrikanischen und orientalischen Rezepturen geht hervor, dass Mediziner Weihrauch-Anwendungen gegen geringe Harn-Ausscheidung, bei Syphilis, Bilharziose und Magenleiden verabreichten. Auch die innere Anwendung von Weihrauchharz-Perlen zur Stärkung des Geistes und des Verstandes ist einem orientalischen Kanon der Medizin zu entnehmen.

In der klassischen europäischen Naturheilkunde dient Weihrauch hauptsächlich zur Linderung rheumatischer Erkrankungen. Weiterhin gab es pharmakologische Langzeit-Tests mit standardisierten Weihrauch-Präparaten zur Behandlung chronisch entzündlicher Erkrankungen, wie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, colitis ulcerosa) oder Polyarthritis. Auch eine positive Wirkung von Weihrauch-Rezepturen auf Begleitödeme von Gehirntumoren geht aus klinischen Studien hervor [1]. Offiziell zugelassene medizinische Weihrauch-Präparate gibt es in Deutschland nicht. Da die Medikamentierung von Weihrauchharzen keine großen Gewinne abwirft liegen aber bis auf Weiteres keine hinreichenden kostspieligen pharmakologischen Untersuchungen vor, obwohl bei entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie bei bestimmten Krebserkrankungen, wie z. B. bei Hirntumore, zurückhaltend über Heilungs-Erfolge berichtet wird [12].

Allerdings sind Weihrauchharz und -öl seit einigen Jahren wieder im Europäischen Arzneibuch gelistet. Auch wenn Weihrauch-Präparate kaum Neben- und Wechselwirkungen haben, wie aber z. B. mit dem Blutverdünner und Gerinnungshemmer "Warfarin", sollte man sie nicht auf gut Glück zu nehmen. Laut Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer kann die Verwendung von Weihrauch aufgrund der unzulänglichen klinischen Datenlage nicht empfohlen werden [13].

Aus dem Ausland dringen Empfehlungen auch außerhalb der traditionellen indischen Medizin mit einem besonders wirksamen Weihrauchharz "H 15" der Firma Gulfic Ltd., Mumbai, Indien, auf den deutschen Markt [14]. Auf dem Büchermarkt erschienen zahlreiche Abhandlungen und Zusammenstellungen der segensreichen Heilwirkungen von Weihrauch-Präparaten.

Als führend in der Erforschung des Weihrauchharzes gelten in Deutschland der Pharmakologe Prof. Dr. Hermann P.T. Ammon, Universität Tübingen und Prof. Dr. Oliver Werz, Universität Jena, sowie der Naturstoff-Chemiker Prof. Dr. Johann Jauch, Universität Saarbrücken. Über die Wiederentdeckung des Weihrauchharzes als hoffnungsvolle Arznei fasste Prof. Dr. Ammon in seinem 2018 erschienenen Buch die Studien zusammen, die positive Wirkungen im Bereich der Entzündungen und Tumore beschreiben [15].

Weihrauch-Anwendungen bei kultisch-religiösen Anlässen

Seit alters her gehört das Verbrennen von Weihrauch mit dem zauberhaft anmutenden Rauch und dem verströmenden Duft zu kultischen Ritualen. Im altägyptischen Totenkult bannte Weihrauch die Macht und den Geruch des Todes. Auch das desinfizierende und deodorierende Ausräuchern von Privat-Villen war in der Antike verbreitet.

Historisch geht die Verwendung von Weihrauchharzen auf den Kult der Israeliten zurück, in deren Tempel sie zweimal am Tag verbrannt wurden. Das half auch gegen die Fliegen-Plage und überdeckte den Geruch von Tieropfern in den Gotteshäusern. Bei Bitt- und Dankesgebeten ließ man die Harzkörner in speziellen Gefäßen (Acerra) im Feuer verbrennen. Selbst Kaisern und Statthaltern trug man Weihrauch-Gefäße voraus, wenn sie in eine Stadt Einzug hielten. Das diente einerseits der Huldigung und Verehrung, andererseits überdeckte es jedoch auch den Kloaken-Gestank, der sich in den aufgeheizten Gassen ausbreitete.

Mit Weihrauch und Myrrhe beschenkten die heiligen drei Könige aus dem Morgenland Kaspar, Balthasar und Melchior das Jesus-Kind als Ausdruck höchster Huldigung. Die heutige Verwendung des Weihrauchs in katholischen Kirchen wurde stark durch die gallikanische Liturgie (4. bis 8. Jh. nach Chr.) beeinflusst. Symbolisch steht Weihrauch für Reinigung, Verehrung und Gebet, nach zahlreichen Textstellen in der Bibel, wie z. B. Psalm 141 und Offenbarung 8,3, verkörpert der aromatische Rauch das zu Gott aufsteigende Gebet der Gläubigen.

Karrikatur
Abb.4: Weihrauch-Schwenker
(Karrikatur ©W. Hasenpusch)
Seit mindestens 1570 galt die ausschließliche Verwendung des Weihrauchs beim "Hochamt" als verpflichtend. Seit 1970 darf der Weihrauch wieder bei allen katholischen Gottesdiensten verwendet werden [1]. In den orthodoxen Ostkirchen ist der übermäßige Gebrauch von verbranntem Weihrauchharz seit jeher feste Tradition. Auch in der bekannten spanischen Wallfahrtskirche von Santiago de Compostela am Ende des Jakobsweges sparen die Priester nicht mit dem Rauch verbrennenden Weihrauchharzes. (Abbildung 4)

Messdiener (Ministranten) in katholischen Kirchen verrichten den Weihrauch-Dienst üblicherweise zu zweit: der eine, der "Thuriferar" (lat.: thus = Weihrauch; ferre = tragen) trägt das Weihrauch-Gefäß, der zweite, der navicular (lat.: navicula = Schiffchen) das einem Schiff ähnelnde Gefäß, in dem sich die Weihrauchharz Körner befinden. Schon vor dem Gottesdienst zünden die Messdiener die Kohle in dem gereinigten Weihrauch Gefäß an. Durch Schwenken des Gefäßes an den Ketten erfährt die Kohle hinreichend Sauerstoff, um wie auf einem Holzkohlen-Grill zu glimmen. Bevor die Weihrauchharz Körner auf die glühende Kohle gelegt werden, entfernt der Navikular die gebildete Asche mit einem kleinen Löffel von der Oberfläche (Abbildung 5). Für den Weihrauch Dienst steht eine Vielzahl von unterschiedlich geformten und verzierten Gefäßen zur Verfügung. In der Regel bestehen sie aus Messing.

Weihrauchzeremonie
Abb.5: A. Zwei Messdiener füllen das "Schiffchen" mit den Weihrauch Körnern;
B. Zünden der Kohle; C. Auflegen des Weihrauchharzes auf die Kohle

In katholischen Kirchen kommt Weihrauch oder Harze in "Kirchen-Qualität" zum Einsatz, das in der Regel aus Harzen wie Myrrhe und Styrax sowie Sandelholz oder Blüten besteht. Es handelt sich hierbei um eine kostengünstige Räuchermischung mit farbigen Körnchen.

In einer Gemeinde wurde eine Ministrantin bei einem Hochamt von dem Weihrauch-Qualm mit Kreislauf-Problemen ohnmächtig, ein weiterer Gottesdienst-Besucher klagte über Übelkeit. Ein Würzburger Mediziner, der selbst ministrierende Kinder hat, attestierte auf Nachfrage der örtlichen Zeitung, dass von den Weihrauch-Schwenkern in Kirchen keine Gefahr ausgehe [16].

Weihrauch Inhaltsstoffe
Abb. 6-8: Inhaltsstoffe des Weihrauchs
oben: α-D-Galacturonsäure (A.) und
β-D-Galacturonsäure (B.)
Mitte: Boswellia-Säure
unten: Incensol

Inhaltsstoffe

Erst in den letzten Jahrzehnten fand das Harz der Weihrauch-Bäume bei den Forschern größeres Interesse, um sich intensiver mit den Inhaltsstoffen zu beschäftigen.

Die Hauptbestandteile des Harzes sind die tetracyclischen und pentacyclischen Triterpensäuren wie die sogenannten Boswelliasäuren. Weiterhin enthält Weihrauchharz Polysaccharide, beispielsweise auf der Basis von D-Galacturonsäuren (Abbildung 6), ätherische Öle und mehrere Verbindungen der Terpenreihe (Mono-,Sesqui- und Diterpene).

Die sehr große und variantenreiche Stoff-Gruppe der Terpene kommt hauptsächlich in pflanzlichen Organismen vor. Sie leitet sich formal vom Isopren (CH2=C(CH3)-CH=CH2) ab. Es sind insgesamt über 8.000 Terpene und über 30.000 der nahe verwandten Terpenoide bekannt.

Beispiele für die im Weihrauchharz gefundenen pentazyklischen Triterpensäuren sind die 3-OH-11-keto-β-boswelliasäure, 3-O-Acetyl-11-keto-β-boswelliasäure (Abbildung 7), α-Boswelliasäure, &beta-Boswelliasäure sowie die 3-O-Acetyl-α-boswelliasäure und 3-O-Acetyl-β-boswelliasäure [7]. Diese Verbindungen sind für Harze des Weihrauchbaumes spezifisch. Weiterhin kommen im Weihrauchharz noch tetrazyklische Triterpensäuren wie die α-Hydroxy-8,24-dien-tirucallensäure, β-Hydroxy-8,24-dien-tirucallensäure und die 3-Oxo-8,24-dien-Tirucallensäure vor [7]. Diese Verbindungen sind jedoch bereits auch in anderen Pflanzenarten bzw. Harzen gefunden worden. Für Weihrauchharze spezifische Diterpene stellen noch das Incensol (Abbildung 8) und das Serratol dar [8].

Ein Patent-Verfahren zur Isolierung von tetra-und pentacyclischen Triterpenen aus organischen Harzen, wie dem Weihrauchharz, mit Kalzium- oder Magnesiumhydroxid in organischen Lösungsmitteln (Diethylether, Aceton, Hexan, u. a.), meldete Dr. Hasan Safayhi mit Prof. Dr. Hermann Ammon u. a., Universität Tübingen, im Jahr 2002 an [9].

Fehlende Weihrauch-Forschung

Obwohl eine ganze Reihe von Forschungs-Ergebnissen in zuversichtlicher Weise die Jahrtausende alten wie auch neuere Therapie-Erfolge untermauern, distanzieren sich Pharma-Konzerne von einer Integration der Weihrauch-Komponenten in ihre medizinische Produkt-Palette. Hochschulen und kleineren Pharma-Unternehmen scheuen naturgemäß die immensen Kosten für eine Medikamenten-Zulassung. Das ist die eine Seite der Weihrauch-Forschungs-Medaille.

Die andere sollte sich intensiver mit den Rauchen und Dämpfen der verbrannten Weihrauchharze in den Kirchen und Domen der Gläubigen befassen. Vor allem die Messdiener und Priester könnten von den allergenen Eigenschaften der terpenoiden Aromastoffe, wie auch von den im Rauch befindlichen Zersetzungs-Produkten und Mikrostaub-Partikeln gesundheitlich betroffen sein.

Die dunklen Belege ("Fogging") an den Wänden und Säulen der Gotteshäuser belegen die erhöhte Partikel-Konzentration bei intensiveren Weihrauchharz Zeremonien: Beim Verbrennen von Weihrauch entstehen gesundheitsbedenkliche Benzopyrene, die auch in Räucherlachs und Speck enthalten sind. Bei asiatischen Weihrauch-Räucherstäbchen kann die Benzo(a)pyren-Konzentration in einem Tempel 40-mal so hoch sein, wie in Raucherwohnungen. In katholischen Kirchen ist die Feinstaub-Belastung in etwa so hoch, wie auf einer normal befahrenen Landstraße [17].

Weihrauchschwenker
Abb.9: Weihrauchzeremonie im
Kölner Dom (Quelle Wikipedia)
Andere Stimmen sagen: Brennender Weihrauch erzeugt eine stärkere Luftverschmutzung als der Straßenverkehr einer viel befahrenen Kreuzung [18], was einleuchtender ist, wenn man sich die Weihrauch Zeremonie vor Augen hält (Abbildung 9). Klimatologen konnten aufzeigen, dass in katholischen Kirchen, in denen Weihrauch verbrannt wird, gerade die Konzentration der kleinsten Feinstaub-Teilchen stark ansteigt [19]. Diese dringen besonders tief in die Lunge ein und schädigen möglicherweise auch das Herz-Kreislauf-System [20].

Schon in den 1980er Jahren wies die Universität Erlangen in einer Studie einen signifikanten Zusammenhang zwischen Weihrauch und Stimmband Karzinomen bei katholischen Priestern nach. An den hohen Feiertagen wird der Staubgrenzwert der EU in katholischen Kirchen um das Ein- bis Siebenfache überschritten [21]. Dies kann zu Atem-Problemen bei Asthmatikern und Allergikern führen.

Bei den Tabak-Konsumenten hat der Gesetzgeber aufgrund umfangreicher Untersuchungen die Gefahren des Kaltrauches erkannt und gesetzliche Konsequenzen gezogen. Nicht anders als mit dem Verbrennen des Tabaks verhält es sich sicherlich mit dem Verbrennen von Harzen. Eine gewisse katalytische Unterstützung zur "Dioxin"-Bildung leistet alleine die Messing- oder Kupfer-Ausführung des Weihrauch-Gefäßes. Hier wäre der Ersatz durch Porzellan- oder Keramik-Gefäße der kleinste Schritt. Auch Keramik-Einsätze könnten schon hilfreich sein.

Über die Abgase der Weihrauchharz Verbrennung liegen nur wenige Untersuchungen vor. Vermutlich sind sie auch schwer reproduzierbar, da der Handel viele Harz-Mischungen anbietet. Aber gaschromatische Untersuchungen zur Analyse der entstehenden Zersetzungs-Produkte wären aufschlussreich. Denn nicht auszuschließen, ja sogar wahrscheinlich, ist neben anderen Gefahrstoff-Emissionen das Freisetzen von krebserregendem Benzo(a)pyren [10], wie er auch beim Tabak-Rauch entsteht. Die kanzerogene Wirkung beruht auf der Oxidation zu Epoxiden (Abbildung 10).

Oxidation von Benzo(a)pyren
Abb.10: Oxidation von Benzo(a)pyren zum kanzerogenen Epoxid

Eine weitere Frage zielt auf die Technik: Lassen sich die Harze nicht elektrisch bei Temperaturen unterhalb von 200° C verdampfen? Der Qualm würde dann natürlich ausbleiben, die Intensität des Geruchs könnte sogar mit der batterie- oder akku-betriebenen Heizung regulierbar gestaltet werden.

Schließlich bleibt die Frage nach der Allergie. Dass Terpene und Terpenoide zu den sensibilisierenden Stoffen zählen, ist bekannt. Die Technische Regel für Gefahrstoffe TRGS 907 weist neben Holzstaub der verschiedenen Baumarten die folgenden Pflanzen-Bestandteile oder -produkte mit möglicher sensibilisierender Wirkung beispielhaft aus: Rizinus-Proteine, Sojabohnen-Inhaltsstoffe, Chrysanthemen, Korbblütler, Tulpen, Alstroemerien, Primula obconica, Gewürzstäube, Tee-Staub, unbehandelter Rohkaffeebohnen-Staub , Wildpflanzen und Unkraut wie Beifußpollen, Traubenkraut oder Ambrosia) [11]. Zwar findet der Weihrauch-Duft in dieser beispielhaften Auflistung bislang keine Erwähnung, aber die Verantwortlichen im Umgang mit Weihrauchharzen sollten alles daransetzen, damit dieser Stoff nicht doch in der TRGS 907-Liste Eingang findet.

Hilfreich wäre auch eine "Weihrauch-Fibel" in der nicht nur die Sorten mit ihren Duftnoten aufgelistet stehen, sondern auch eine Gefährdungs-Beurteilung im Umgang mit Weihrauch zum Vorschlag kommt. Denn wenn auch das Harz selbst kein Gefahrstoff ist, die thermischen Zersetzungs-Produkte sind es allemal.

Aber der ursprünglich heidnische Brauch des Weihrauch Feuers ist für viele Gläubige aus der katholischen Kirche nicht wegzudenken. Was das Jesus-Kind vor über 2.000 Jahren von den heiligen drei Königen an die Krippe gelegt bekommen hatte, darf nicht als schädlich angesehen werden.

Literatur

  1. Wikipedia Weihrauch
  2. Heilpflanzenlexikon
  3. Aromatherapie
  4. Wikipedia Boswellia sacra
  5. Katholische Gemeinde St Jakob
  6. Großer Brockhaus, Leipzig/ Mannheim (2006)
  7. Pardhy, R. S. und S. C. Bhattacharyya, Indian J. Chem., 16B (1978) 176 -178
  8. Wikipedia Weihrauchpräparate
  9. Patent-Anmeldung D 1003559 A1 (31.01.2002) Universität Tübingen
  10. Wikipedia Benzpyren
  11. Technische Regel Gefahrstoffe, TRGS 907, 11/ 2011, GMBI 2011, S. 1017 [Nr. 49 - 51]
  12. Brockdorff, A. und J. Zorn "Weihrauch: Wirkungen und Nebenwirkungen", Navigator-Medizin, 07.10.2022
  13. Mit Weihrauch wieder gehen können?
  14. Das Potenzial von Weihrauch
  15. Ammon, H. P. T. (Hrsg.): "Weihrauch-Anwendung in der westlichen Medizin", Springer-Verl., Berlin (2018) 130 S., ISBN 978-3-662-55908-6
  16. Zoryiku, G.: "Ist Weihrauch in der Kirche giftig?", Main-Post, 15.12.2020
  17. Lukassek, A.: "Weihrauch: Wohlgeruch oder Hustenverursacher?", katholisch.de, 06.06.2017;
  18. Ist Weihrauch in der Kirche gefährlich?
  19. Environmental Science, 40 (2006) 5251
  20. Behrens, Ph.: "Esoterischer Feinstaub", Süddeutsche Zeitung, 22.05. 2010
  21. Weihrauch - bald verboten?
  22. Weihrauch belastet Atemluft


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