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28.06.2022

13.11.2019

Nitrat im Grundwasser - Die Lösung ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller gesellschaftlicher Kreise

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Seit Jahrzehnten befasst sich die Agrarforschung mit Nährstoffbilanzen in landwirtschaftlichen Ökosystemen. Sehr stark vereinfacht beschreiben solche Nährstoffbilanzen die Differenz zwischen eingebrachten und entnommenen Nährstoffen, bezogen auf den landwirtschaftlichen Betrieb oder die landwirtschaftliche Fläche. Als Zeitbezug wird das Wirtschafts- oder Kalenderjahr verwendet.

Auf der Eintragsseite stehen im Wesentlichen unterschiedliche mineralische und organische Düngerformen und atmosphärische Nährstoffeinträge, auf der Austragsseite hauptsächlich die Nährstoffentzüge mit der Ernte. Der Überschuss aus der Bilanz gilt auch als Ausdruck für die Effizienz der eingesetzten Nährstoffe.

Wie kommt das Nitrat in unser Grundwasser und warum ist das schlecht?

Die Frage der Nährstoffbilanz und Nährstoffeffizienz ist aus unterschiedlichen Blickwinkeln bedeutsam. Natürlich ist der Landwirt in erster Linie daran interessiert, die von ihm zur Düngung eingesetzten Nährstoffe so effizient wie möglich zu verwenden, denn jeder ineffiziente Einsatz bedeutet für ihn eine finanzielle Einbuße.

Dennoch treten Fälle ineffizienten Einsatzes auf - und daher muss die Frage gestellt werden, wo in diesen Fällen die überschüssigen Nährstoffe verbleiben. Hier ist zu unterscheiden: Bestimmte Nährstoffe wie Phosphor und Kalium können im Boden angereichert werden. Sie gehen zum Teil unschädliche Verbindungen ein, zum Teil stehen sie auch weiterhin den Pflanzen zur Verfügung.

Beim Stickstoff ist dies jedoch nicht möglich. Der Grund liegt darin, dass Stickstoff, einmal in den Boden eingebracht, vielfachen Umsetzungen unterliegt: Er kann von einer organischen Bindungsform in eine mineralische Form umgewandelt werden und auch umgekehrt. Ausgehend von unterschiedlichen mineralischen Bindungsformen kann der Stickstoff in die Atmosphäre entweichen (als Ammoniak, molekularer Stickstoff oder Lachgas) oder als Nitrat mit dem Sickerwasser ins Grundwasser verlagert werden.

Grundwasser ist jedoch unsere wichtigste Trinkwasserquelle. Bei Aufnahme von nitrathaltigem Trinkwasser kann es im menschlichen Körper zu sogenannten Nitrosoverbindungen kommen, die wiederum als krebserregend einzustufen sind. Deshalb hat der Gesetzgeber europaweit einen Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser von 50 mg/Liter festgelegt.

Der Überschuss in der Stickstoffbilanz könnte also als indirektes Maß für eine mögliche Grundwasserbelastung angesehen werden - und entsprechend müssten ausgeglichene Stickstoffbilanzen eine Lösung der Nitratprobleme sein. Leider ist es nicht so einfach, denn es kann immer zu unbeeinflussbaren Verlusten kommen, zum Beispiel durch Starkniederschläge nach einer Düngung, die den Stickstoff in den Unterboden und später ins Grundwasser transportieren. Deshalb werden geringe Überschüsse in den Stickstoffbilanzen auch allgemein toleriert.

Nitratwerte im bundesweiten Vergleich

Es muss allerdings festgestellt werden, dass die Überschüsse in den Stickstoffbilanzen in Deutschland in den letzten Jahrzehnten sehr stark gestiegen sind und von annähernd ausgeglichenen Bilanzen keine Rede mehr sein kann. Die einzelnen Bundesländer sind deshalb bemüht, das Problem in den Griff zu bekommen, was zum Teil auch schon Erfolge gezeigt hat. So sind die Nitratkonzentrationen im Grundwasser in Baden-Württemberg zurückgegangen, nachdem dort über viele Jahre hinweg gezielte Maßnahmen zum Schutz des Grundwassers umgesetzt wurden. I

n den viehstarken Regionen Deutschlands (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen) sieht es jedoch anders aus. Hier sind die stickstoffhaltigen Ausscheidungen der Tiere (Gülle) der Hauptgrund für hohe Bilanzüberschüsse und daraus folgende hohe Nitratkonzentrationen im Grundwasser. Die Gülle wird dort auf die landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht. Sie aus diesen Regionen in viehärmere Regionen zu transportieren scheidet aus, da die Gülle zu über 90% aus Wasser besteht und der Transport damit sehr teuer und nicht rentabel ist.

Stellschrauben zur Reduktion des Nitrats im Grundwasser

Es werden nun viele Maßnahmen diskutiert und umgesetzt, um das Problem zu hoher Nitratwerte im Grundwasser zu lösen. Der Gesetzgeber ist dabei, Regelungen im Düngerecht zu verschärfen und z.B. Ausbringungshöchstmengen in Problemgebieten festzulegen. Es wird an technischen Möglichkeiten gearbeitet, Gülle zu separieren (entwässern), um die enthaltenen Nährstoffe wirtschaftlich transportieren zu können. Nicht zuletzt wird vielfach diskutiert, ob der Fleischkonsum nicht auch eine Stellschraube sein kann, um das Nitratproblem in den Griff zu bekommen.

Der Grundgedanke dabei ist, dass bei geringerem Fleischkonsum die Viehbestände reduziert werden könnten, was natürlich zunächst zu Einkommenseinbußen in der Landwirtschaft führen würde. Wenn gleichzeitig jedoch die Bereitschaft zur Zahlung höherer Preise für Fleisch gesteigert werden könnte, wäre der Landwirtschaft geholfen. Viele Menschen sind heute schon bereit, für Fleischprodukte aus der Region mehr Geld auf den Tisch zu legen - darauf ließe sich aufbauen. Denn bei einem durchschnittlichen Fleischkonsum der Bundesbürger von jährlich 61 kg ist diese letzte Maßnahme zumindest überlegenswert.

Eines steht fest: Das Problem von erhöhten Nitratwerten im Grundwasser ist mit Sicherheit nicht durch die Umsetzung einer einzelnen Maßnahme zu lösen. Die Lösung ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller gesellschaftlichen Kreise: Politik, Landwirte und Bevölkerung.

Quelle: acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften