23.04.2025
"Gebt mir ein Labor..." - Wie Labore die Welt verändern

- Bild: pixabay [CCO]
Diese Ansicht vertrat auch der französische Soziologe und Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour, der sie 1983 in seinem Aufsatz "Give Me a Laboratory and I Will Raise the World" niederschrieb. Darin argumentiert er, dass Labore nicht einfach Orte sind, an denen objektive Daten gesammelt werden, sondern aktive Zentren, in denen Realität produziert wird. Latour zeigt, wie Wissenschaftler durch Instrumente, Experimente, Sprache und Netzwerke neue Theorien in die Welt tragen und so Tatsachen schaffen.
Latour schrieb den Aufsatz im Rahmen seiner Bemühungen, Wissenschaft zu entzaubern und gleichzeitig ihre Macht aufzuzeigen. Es war sein Beitrag zu einem komplexeren, realistischeren Verständnis von Forschung.
Der Titel spielt auf Archimedes' Spruch "Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln" an - Latour ersetzt den "festen Punkt" durch das Labor und zeigt damit die Macht der Wissenschaft, die Welt zu formen. Die zentrale These des Artikels lautet, dass Wissenschaft nicht nur die Entdeckung neuer Tatsachen ist, sondern ein Zusammenspiel sozialer Netzwerke und materieller und technologischer Gegebenheiten.
Wenn im Labor ein Virus sequenziert, ein Medikament getestet oder eine Batterie verbessert wird, dann geschieht weit mehr als ein wissenschaftlicher Fortschritt: Wissenschaftler müssen mit ihren Erkenntnissen in den Diskurs mit Kollegen treten, diese überzeugen und durch Experimente, Veröffentlichungen und Konferenzen auch die Anerkennung einschlägiger Institutionen erlangen.
Die materielle und finanzielle Ausstattung eines Labors hat großen Einfluss darauf, was überhaupt wahrgenommen werden kann. Ohne Laborequipment wie Mikroskope, Spektrometer oder Reaktoren wären viele Erkenntnisse nicht messbar oder sichtbar.
Technologie ist somit nicht nur ein Hilfsmittel, sondern auch aktive Mitgestalterin von Wissen. Computerprogramme zur Datenanalyse und zunehmend auch KI entscheiden mit, welche Muster in großen Datensätzen sichtbar werden.
Laut Latour ist ein Labor demnach nicht nur ein Ort der Beobachtung, sondern ein Ort der Weltproduktion - Fakten entstehen nicht einfach, sie werden gemacht. Am Welttag des Labors lohnt es sich also, den Blick zu weiten. Labore sind nicht nur Orte mit weißen Kitteln und Glasgefäßen, sondern Motoren der Weltgestaltung. Oder, um es mit Latour zu sagen:
Gebt mir ein Labor - und ich werde euch eine neue Welt zeigen.
Bruno Latour (1947-2022)
» Link zum Aufsatz von Bruno Latour
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