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08.12.2022

05.05.2022

"Schwerter zu Pflugscharen" - 3.0

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Skulptur Schwerter zu Pflugscharen
Skulptur "Schwerter zu Pflugscharen" im
Garten des UNO Hauptgebäudes [Neptuul]
Wer bei der Friedensbewegung in den 1980er Jahren mittendrin, statt nur dabei war, erinnert sich an den Slogan und das Motiv "Schwerter zu Pflugscharen". Wer hätte gedacht, dass das Thema 40 Jahre später wieder so aktuell ist.

Und für die Jüngeren unter den Lesenden: Was hat es damit noch mal auf sich? Über Jahrzehnte - Ende der 1950er, in den 1980ern und heute mehr denn je - symbolisiert der Slogan Verheißung und Sehnsucht nach Frieden gleichermaßen.

Vertont wurde das Motiv von Michael Jackson, der 1991 die Fans in seinem Lied "Heal the World" auffordert: "Create a world with no fear, together we'll cry happy tears. See the nations turn their swords into plowshares".

Der Ursprung

Bereits 1958 erschuf der sowjetische Künstler Jewgeni Wutschetitsch eine drei Meter hohe Bronzestatue, die einen muskulösen Menschen zeigt, der ein Schwert zu einer Pflugschar, der Schneide eines Pfluges, umschmiedet.

Das Kunstwerk wurde ursprünglich für die Tretjakow-Galerie, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen Russlands, angefertigt. Ein Jahr später - mitten im Kalten Krieg - schenkte der damalige sowjetische Regierungschef Nikita Chrustschow die Skulptur der UNO, als Zeichen für den Wunsch einer friedlichen Koexistenz Russlands mit dem Westen. Seitdem steht sie in New York im Garten des UNO Hauptgebäudes.

Wutschetitsch gab seinem Werk den Titel "Lasst uns unsere Schwerter zu Pflugscharen schmieden" und bezog sich damit auf das Alte Testament. Bei dem Propheten Micha - scharfer Kritiker der seinerzeit herrschenden sozialen Verhältnissen - heißt es:

Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern.
Micha (ca. 740-670 v.Chr.)

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Die sich Ende der 1970er Jahre in der DDR formierende Friedensbewegung brauchte ein aussagekräftiges, aber aufgrund der politischen Lage möglichst unverfängliches Symbol. Harald Bretschneider, Jugendpfarrer aus Sachsen, entschied sich für die Skulptur von Wutschetitsch. Durch deren sowjetisch-sozialistische Geschichte tat sich die Führungsriege der DDR schwer damit, gegen die Symbolik vorzugehen. Gedruckt auf Aufnähern (eine Printversion wäre strafbar gewesen), erfuhr das Bild der Skulptur einen Siegeszug als Symbol der Friedensbewegung und gegen die Stationierung von Nuklearwaffen auf deutschem Boden, auch in Westdeutschland.

Und heute?

Es gibt derzeit mehr als 30 Kriege und bewaffnete Konflikte weltweit. Viele sind uns entweder gar nicht bekannt oder in Vergessenheit geraten. Der Krieg in der Ukraine führt uns wieder deutlich vor Augen, was es bedeutet, sich mit schwerem Gerät und voller Hass gegenüberzustehen, statt miteinander im Dialog zu stehen und Konflikte, die oft durch Ungerechtigkeit oder Begehrlichkeiten ausgelöst werden, friedlich zu lösen.

Im Bibeltext bei Micha heißt es weiter: "Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt." Wir sind noch lange nicht fertig mit dem Umschmieden unserer Schwerter. Der zögernde Versuch, Frieden zu wagen und durch Handel und Kooperation statt durch ein Gleichgewicht des Schreckens miteinander auszukommen oder zu koexistieren, ist kläglich gescheitert. Jetzt wird "nachgekartet", "bessergewusst" und wieder aufgerüstet.

Es ist wohl so, dass wir jetzt wieder sichern müssen, damit nicht noch mehr Unheil und Elend entsteht. Mit einem Gegner, der sich weder an Absprachen noch an Völkerrecht hält und stattdessen mit der Angst des Gegenübers vor Nuklearwaffen spekuliert, um ans Ziel zu kommen, braucht es wahrscheinlich Sanktionen und Waffenlieferungen. Bestenfalls helfen sie, Despoten und ihre Nutznießer - nicht nur in Russland - aufhalten zu können und einen Frieden herzustellen, dessen Konditionen für beide Konfliktparteien tragbar sind.

Vielleicht kann uns die aktuelle Erfahrung aber auch lehren, zukünftig endlich kritischer und weniger wirtschaftsorientiert auf aufstrebende machthungrige Menschen zu reagieren. Es gibt doch genügend Beispiele von Machthabern, die erst durch Unterstützung der (meist) westlichen Welt so stark wurden, dass sie sich gegen ihr Volk oder Nachbarstaaten erheben konnten.

Seit 1959 schmiedet der muskulöse Mensch im Garten des UNO-Hauptquartiers unermüdlich an seiner Pflugschar. Wann geben wir ihm die Chance endlich fertig zu werden?

» Kriege und Konflikte weltweit

Autor: Anke Fähnrich


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