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16.10.2021

22.04.2021

Jeder denkt an sich - selbst zuletzt

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gemeinsam stark
Bild: pixabay [CCO]
Die Magie der Satzzeichen wird ja immer wieder mal in dem einen oder anderen Post thematisiert. Auch die Überschrift dieses Blog-Beitrags ist ein Beispiel dafür. Entfernt man den Gedankenstrich aus dem Titel, macht seine Bedeutung eine Wendung um 180 Grad.

Solch eine Kehrtwende würde derzeit vielen Menschen guttun! Ja, wir stecken in einer Krise und ja, sie verlangt uns allen viel ab. Erstaunlicherweise sind auch alle gerne bereit, Einschränkungen hinzunehmen - solange diese einen nicht persönlich betreffen. Am Beispiel der Diskussionen der vergangenen Monate darüber welche Geschäfte und Einrichtungen, wann, wie bzw. ob überhaupt und wenn ja, warum nicht öffnen dürfen, wird das Dilemma deutlich sichtbar.

Viel zu oft gewinnt man den Eindruck, dass hier nicht nach Sachlage, sondern nach der Macht des Lobbyverbandes oder der Lautstärke des Protestes entschieden wird. Ganz aktuell sind mit dem Bundesinfektionsschutzgesetz neue Diskussionsmöglichkeiten hinzugefügt worden: einheitliche Regeln zu Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und Schließungen der gebeutelten und gerade vorsichtig wiedereröffneten Ladengeschäfte und kulturellen Einrichtungen.

Nicht zu vergessen, die Schnell- und Selbst-Tests, die dazu beitragen sollen, die schon lange unmöglich gewordene Nachverfolgung von Kontakten zum Zwecke der Unterbrechung der Infektionsketten zu reanimieren. Erstaunlicherweise sind viele nur allzu gerne bereit, sich testen zu lassen, um "endlich wieder Shoppen" zu können. Anders sieht es aus, wenn es darum geht, verbindliche Tests einzuführen, um das Risiko der Ansteckung in Schulen und auf der Arbeit zu minimieren oder bestenfalls zu verhindern.

Facebook-Posts machen die Runde, in denen die - Zitat: - "armen Schüler" bedauert werden, denen zweimal pro Woche Schnelltests "zugemutet" werden, damit sie am Präsenzunterricht teilnehmen können. Kurze Anmerkung: Fast täglich kann man neue Studien lesen, in denen darüber berichtet wird, wie viele Schüler schwer darunter leiden oder sogar depressiv werden, weil sie nicht in die Schule dürfen. Nicht einmal mit negativem Test, da sie sich altersmäßig irgendwo zwischen Jahrgangsstufe 7 und 11 befinden und "leider" keinen besonderen Förderbedarf haben.

Arbeitnehmer sollen ein Angebot für den Schnelltest erhalten. Auch hier mehren sich die Stimmen, die es entweder als groben Eingriff in ihre Privatsphäre empfinden, oder sich darüber beschweren, was es für einen Mehraufwand bedeutet, sich testen zu lassen. Noch mehr Zitate gefällig? "Da muss ich ja eine halbe Stunde früher auf der Arbeit sein!" - "Ja, soll ich mich jetzt ständig zu dem Testzentrum quälen? In meiner Freizeit?". Es ist wie so oft: Einschränkungen oder Mehraufwand sind immer dann eine gute Idee, wenn andere davon betroffen sind.

Ist es denn in dieser schon viel zulange andauernden pandemiebedingten Krise nicht möglich, den Gedankenstrich in der Überschrift einfach mal auszuradieren? "Jeder denkt an sich selbst zuletzt" - und nimmt im Interesse anderer und der Allgemeinheit auch mal Einschränkungen oder Unannehmlichkeiten hin. Das würde meiner Meinung nach viel dazu beitragen eine positive Richtung einzuschlagen. Oder mit den Worten der österreichischen Schauspielerin Valérie von Martens ausgedrückt.

Es wäre eine Freude zu leben, wenn jeder nur die Hälfte von dem täte, was er von anderen verlangt.
Valérie von Martens (1894-1986)

Nachbemerkung:

Angestiftet zu diesem Blog-Beitrag hat mich eine Diskussionsrunde mit Schülern einer 8. Hauptschulklasse. Im Rahmen des Biologie-Unterrichts zum Thema Infektionskrankheiten beschäftigt sich die Klasse auch mit bereits überwundenen Pandemien wie den Pocken oder der Spanischen Grippe. Diese Schüler dürfen - abgesehen von einer kurzen Unterbrechung im letzten Herbst - schon seit fast einem Jahr nicht mehr in den Präsenzunterricht oder in den Sportverein und sind dementsprechend sehr daran interessiert, dass die Corona-Pandemie endlich beherrschbar wird. Zu der Frage, wie diese Pandemie wohl besiegt werden könne, erhielt ich folgende Antwort: "Wenn sich alle an die Regeln halten und aufeinander Acht geben, können wir das Virus besiegen. Aber ich glaube nicht, dass die Menschen das hinkriegen." Arbeiten wir doch gemeinsam daran, diese Annahme zu widerlegen!

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Autor: Anke Fähnrich


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