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Das Online-Labormagazin
05.12.2020

13.11.2020

Neues Forschungsprojekt zum Gesundheitseffekt von Orangensaft



Wissenschaftler von drei in ihren Disziplinen führenden Forschungseinrichtungen werden ab Frühjahr 2021 das klinische Forschungsprojekt HESPER-HEALTH starten. Darin soll untersucht werden, auf welche Weise der regelmäßige Verzehr von Orangensaft helfen kann, einen normalen Blutdruck zu erhalten und die Funktion des Herz-Kreislauf-Systems zu verbessern.

Zur Durchführung des Vorhabens wurden die Expertisen verschiedener Forschungseinrichtungen zusammengebracht. Der klinische Teil der Studie wird dabei an der Universitätsklinik in Clermont-Ferrand in Frankreich durchgeführt, während das französische Nationale Institut für Agronomieforschung (INRAE) in Clermont-Ferrand und die Hochschule Geisenheim modernste analytische Methoden zur Verfügung stellen, um neue Einblicke in den Gesundheitsnutzen des Verzehrs pflanzlicher Lebensmittel zu gewinnen.

Das französisch-deutsche Forschungsteam knüpft dabei an vorausgehende Studien an, durch welche der in Orangen und Orangensaft enthaltene Pflanzenstoff Hesperidin bereits in den Fokus der Ernährungsforschung rückte. Kürzlich wurden bspw. starke Hinweise darauf gefunden, dass Hesperidin die Funktionalität von Blutgefäßen verbessern könnte, und damit hilfreich für die Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks sein dürfte.

Dazu kommt, dass Orangensaft reich an Kalium ist. Für diesen Mineralstoff wurde von der EU bereits ein "Health Claim" bzgl. dessen unterstützender Wirkung für einen normalen Blutdruck autorisiert, d.h. dass diese Wirkung ab einem gewissen Kaliumgehalt auf Lebensmittelverpackungen auch ausgelobt werden darf.

Hoher Blutdruck ist ein Risikofaktor für verschiedene kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. In einer im British Journal of Nutrition kürzlich erschienenen Studie mit mehr als 34.000 niederländischen Erwachsenen wurde gezeigt, dass der Verzehr eines Glases Fruchtsaft (0,33 L) das Risiko für Schlaganfälle um 24 Prozent und das Risiko für koronare Herzkrankheiten um 20 Prozent senken könnte. Zwei weitere im Sommer 2020 erschienene klinische Studien von britischen und spanischen Universitäten konnten zudem nachweisen, dass der tägliche Konsum von Orangensaft zu verbesserten Blutwerten bei einem Marker für die Funktionalität der Gefäßerweiterungsregulation (FMD) führte.

In der neuen HESPER-HEALTH-Studie werden nun erstmals gesunde Erwachsene mit bestehenden kardiovaskulären Risikofaktoren rekrutiert, um dann für sechs Wochen täglich entweder je ein kleines Glas Orangensaft oder eines von zwei in Geisenheim entwickelten Placebo-Getränken zu trinken. Durch das sogenannte Cross-Over-Design wird jede Probandin und jeder Proband alle drei Getränke in aufeinanderfolgenden, randomisierten Phasen konsumieren - eine Vorgehensweise, die höchsten klinischen Qualitätsstandards entspricht. Einer der beiden Placebo-Softdrinks wird neben einem zum Orangensaft gleichen Zuckergehalt auch zugesetztes, reines Hesperidin aus Orangen enthalten. Damit soll herausgefunden werden, ob die beobachteten Gesundheitseffekte ursächlich auf diesen Stoff zurückzuführen sind.

Neben der Erforschung von kurz- und mittelfristigen Wirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem wird die Studie zudem eventuelle Veränderungen in der Zusammensetzung der natürlicherweise vorkommenden Dickdarmbakterien (Mikrobiom) der Probanden beobachten. Denn, in vorausgehenden Studien wurde berichtet, dass bereits ein kurzfristiger Konsum von Orangensaft das Mikrobiom günstig beeinflusst. Bei Bestätigung dieses Effekts über einen 6-wöchigen Zeitraum durch HESPER-HEALTH könnten damit auch weitere positive Gesundheitseffekte des Orangen- und Orangensaftverzehrs erklärt werden, insbesondere da die Darmmikrobiota eine wichtige Front zur Verteidigung des menschlichen Körpers gegen krankmachende Bakterien und Viren darstellt.

In HESPER-HEALTH kommen neuartige analytische Techniken zum Einsatz. Die INRAE-Forschenden in Clermont-Ferrand wählen dabei einen Ansatz namens "Nutrigenomics". Dieser gestattet die Identifizierung von Genen und Stoffwechselwegen, die durch den Verzehr des Orangensafts bzw. von Hesperidin aktiviert werden, und erlaubt damit einzigartige, tiefgehende Einblicke in die zugrundeliegenden Wirkmechanismen. Mit dieser Technik zeigten die dortigen Forschenden bereits früher, dass Hesperidin verschiedene Stoffwechselvorgänge in weißen Blutkörperchen auf eine günstige Weise beeinflusst.

Dr. Christine Morand (INRAE), eine der federführenden Wissenschaftlerinnen der HESPER-HEALTH-Studie, äußert ihre Begeisterung über den baldigen Beginn: "Ich freue mich sehr auf diese zwei Jahre dauernde klinische Studie, mit der wir weitere Einblicke in die potenziellen Effekte des Orangensaftverzehrs auf die Gefäßgesundheit erwarten. Viele Menschen kennen die gesundheitsfördernden Wirkungen von polyphenolischen Pflanzenstoffen, zu welchen auch Hesperidin zählt, bereits von Lebensmitteln wie dunkler Schokolade, Olivenöl oder Grüntee. Über Polyphenole wie Hesperidin in Fruchtsäften ist noch zu wenig bekannt. Ich hoffe, dass unsere neue Studie helfen wird, das zu ändern."

Prof. Dr. Ralf Schweiggert, Institutsleiter und Professor für Analytik und Technologie pflanzlicher Lebensmittel der Hochschule Geisenheim, wird die Studie zusammen mit dem Geisenheimer Polyphenolexperten Dr. Christof Steingaß begleiten und fügte dem Folgendes hinzu: "Wir fangen gerade erst damit an, die Bedeutung des Hesperidins und anderer Polyphenole aus Citrusfrüchten und den daraus hergestellten Säften zu verstehen. Mit HESPER-HEALTH werden wir sicher viel Neues über diese Pflanzenstoffe erfahren - in der Hoffnung, noch besser erklären zu können, warum eine ausgewogene, Obst- und Gemüse-reiche Ernährung so gesund ist wie sie zweifelsfrei ist.

Der Genuss eines Glases Orangensaft gehört dabei für viele Menschen dazu, z. B. zum Frühstück. Allerdings wird auch oftmals dessen hoher Zuckergehalt harsch kritisiert. Obwohl klar ist, dass die Zusammensetzung von Orangensaft viel mehr ist als die eines reinen "Zuckerwassers", müssen wir dringend mehr über die Gesundheitseffekte dieser komplexen Mischung aus Vitaminen, Mineralstoffen und Polyphenolen erfahren. Genau das wollen wir mit HESPER-HEALTH erreichen."

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Quelle: Hochschule Geisenheim University