28.10.2019

Tierversuchsfreie Forschung ausgezeichnet



Der Herbert-Stiller-Förderpreis wird durch den Verein Ärzte gegen Tierversuche e.V. erstmals seit 2011 wieder für hervorragende innovative wissenschaftliche Arbeiten verliehen, die sich mit Hilfe von tierversuchsfreien humanbasierten Methoden der Erforschung und Therapie menschlicher Erkrankungen beschäftigen und einen wesentlichen Beitrag für den medizinischen Fortschritt leisten.

Dafür kommen In-vitro-Studien, aber auch klinische Arbeiten und epidemiologische Untersuchungen bezüglich der Ursachen der Zivilisationskrankheiten in Frage.

Der Preis, benannt nach einem Mitgründer des Vereins, Dr. Herbert Stiller (1923-1984), Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, wurde in den 1990er und 2000er Jahren insgesamt 7 Mal vergeben. Dank zweckgebundener Sponsorengelder wurde nun eine Neuauflage 2019 ermöglicht. Das Preisgeld beträgt € 20.000.

Der Preis 2019 wird nicht - wie früher - retrospektiv für bereits abgeschlossene Forschungsprojekte verliehen, sondern es handelt sich um eine finanzielle Forschungsförderung für geplante Forschungsvorhaben im Bereich Medizin und Biowissenschaften mit Forschungsstandort in Deutschland oder im deutschsprachigen Ausland. Die geplanten Forschungsarbeiten dürfen keine Tierversuche enthalten und es darf kein tierisches Material verwendet werden (z.B. FKS oder tierische Antikörper).

Bei dem Forschungsvorhaben kann es sich um In-vitro-Arbeiten, In-silico-Analysen oder auch um klinische oder epidemiologische Studien handeln. In dem Projekt soll ein neues, innovatives Thema aufgegriffen bzw. ein neuer methodischer Ansatz verfolgt werden. Bewerber sollten sich mit den Grundsätzen und Zielen von Ärzte gegen Tierversuche identifizieren.

Die Preisträger 2019

Clean Bioprinting - Tierfreie Produktion, Kultivierung und Charakterisierung von 3D-Organmodellen
Der erste Platz ging an Prof. Dr. Jens Kurreck und Dr. Johanna Berg von der Technische Universität Berlin, Fachgebiet Angewandte Biochemie. Im Rahmen der Gewebekultur gilt der 3D Biodruck als besonders vielversprechende Technologie, die es ermöglicht, menschliche Zellen räumlich exakt zu positionieren und somit dreidimensionale humane Organmodelle zu generieren. Obwohl dieses Vorgehen einen ersten Schritt im Sinne des Tierschutzes darstellt, ist es noch immer unzureichend. In kommerziell erhältlichen Drucksubstanzen (Biotinten) werden zahlreiche tierische Komponenten verwendet, u.a. fötales Kälberserum (FKS) und Druckkomponenten wie tierische Gelatine und Matrigel, eine Substanz, die aus Tumoren der Maus gewonnen wird.

Das Ziel des vorliegenden Projektes ist es daher, ein Verfahren zum Clean Bioprinting zu entwickeln, das humanisierte Organmodelle ohne die Verwendung tierischer Komponenten hervorbringt. Dazu werden Drucktinten optimiert, die aus nicht-tierischen Biopolymeren bestehen. Diese werden mit menschlichen Lungenzellen gemischt, die tierfrei kultiviert werden. Mit den gedruckten 3D-Lungenmodellen werden Virus-Inhibitions-Versuche durchgeführt.

Die Ergebnisse dieses Projekts sind über den 3D Biodruck hinaus auch grundsätzlich für den Bereich der Kultivierung von Stammzellen und 3D Gewebemodellen relevant, da hierfür bislang standardmäßig die oben genannten tierischen Komponenten eingesetzt werden. Weiterhin fließen die Konzepte der Forschungsarbeiten auf verschiedenen Ebenen direkt in die Ausbildung von Studierenden und Promovenden ein, um den Tierschutzgedanken auch beim wissenschaftlichen Nachwuchs zu verankern.

Tierfreies 3D-Synovium-auf-dem-Chip als Modell für rheumatoide Arthritis
Das Projekt von Dr. Mario Rothbauer, Technische Universität Wien, Cell Chip Group, soll ein dreidimensionales Modell der menschlichen Gelenkinnenhaut (Synovium) etabliert werden, welches auf einem Biochip mit einem mikrofluidischen System untergebracht wird. Bei dem mikrofluidischen System handelt es sich um winzige Kanäle, die auf dem Chip untergebracht sind und den Blutkreislauf simulieren. Die Gelenkinnenhaut bildet die sogenannte Gelenkschmiere bzw. ist für deren Zusammenstellung verantwortlich.

Diese zähe Flüssigkeit enthält alle für das Gelenk wichtigen Zellen, Nährstoffe und biochemischen Substanzen. Entzündliche Prozesse der Gelenkinnenhaut wirken sich gravierend auf die Zusammensetzung der Gelenkschmiere aus, und stehen deshalb in direktem Zusammenhang mit der Entstehung und dem Verlauf einer rheumatoiden Arthritis. Tierversuche, die in diesem Forschungsfeld eingesetzt werden, sind grausam und für die Tiere sehr schmerzhaft, zudem sind die Forschungsergebnisse schlecht auf den Menschen übertragbar.

Es ist daher essentiell, ein humanes Modell zu entwickeln, das eine zuverlässige, humanrelevante Erforschung der rheumatoiden Arthritis erlaubt. Ein solches Modell auf einem Chip ermöglich eine zügige, reproduzierbare Arbeitsweise, was essentiell ist, um das System auch für eine breitere Anwendung durch andere Forscher attraktiv zu machen. Hierzu gehört auch der Einsatz im industriellen Sektor, beispielsweise bei der Medikamentenentwicklung.

Über das mikrofluidische System können Medikamente gezielt und kontrolliert appliziert werden und auch Medikamentenkombinationen systematisch getestet werden. Das Synovium-on-a-chip-Modell wird basierend auf Zellen von gesunden Menschen generiert, als auch von Patienten, die an rheumatoider Arthritis leiden. Entzündliche Prozesse, die durch die Erkrankung entstehen, werden untersucht. Im Gegensatz zu bestehenden in-vitro-Systemen ist dieses humane Zellmodell vollständig frei von Komponenten tierischen Ursprungs wie beispielsweise fötales Kälberserum (FKS).

Die Preisverleihung

Nach Sichtung zahlreicher exzellenter Forschungsanträge wurden im September 2019 im Rahmen der 40-Jahr-Feier des Vereins Ärtzte gegen Tierversuch e.V. in Frankfurt a.M. die Preisträger gekürt und die beiden geförderten Forschungsprojekte vorgestellt.

Quelle: Ärzte gegen Tierversuche