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19.07.2026

18.06.2026

Wissenschaftlerin mit Gewissen: Clara Immerwahr


Clara Immerwahr
Clara Immerwahr (gemeinfrei)
Clara Immerwahr ist definitiv keine Wissenschaftlerin der ersten Reihe. Selbst in unserem Themenspecial "Naturwissenschaftlerinnen" fand sie keine Beachtung. Dabei war sie eine wirklich beachtenswerte Kämpferin in Sachen Frauenrechte und unerschütterliche Verfechterin der Moral in der Wissenschaft: Sie war nicht nur die erste deutsche Frau, die in Chemie promovierte, sondern auch eine Persönlichkeit, deren wissenschaftliches Denken untrennbar mit tiefen ethischen Überzeugungen verbunden war.

Unterstützt durch Ihren Vater setzte sie gegen ein System, das Frauen den Zugang zu Bildung weitgehend verwehrte, zielstrebig ihren Wunsch nach einem wissenschaftlichen Studium durch. In Richard Abegg fand sie an der Universität Breslau einen Förderer und ihren späteren Doktorvater.

Clara Immerwahr sah die Wissenschaft nicht als Selbstzweck, sondern als Beitrag zum Fortschritt der Menschheit. Jede Form deren Instrumentalisierung für destruktive Zwecke lehnte sie ab. Das brachte sie als Ehefrau von Fritz Haber, den Sie 1901 heiratete, in tiefe Bedrängnis.

Zum einen drängte sie die Ehe mit Haber, die zunächst als weitgehend gleichberechtigte Partnerschaft begann, in die Rolle der Assistentin und später der Hausfrau und Mutter, mit der sie sich nie abfinden konnte. Zum anderen war die als kompromisslose Pazifistin beschriebene Chemikerin in keinster Weise mit der chemischen Kriegsforschung ihres Ehemannes Fritz Haber, der maßgeblich an der Entwicklung und dem Einsatz von Chlorgas im Ersten Weltkrieg beteiligt war, einverstanden und kritisierte diese deutlich.

Besonders bemerkenswert ist, dass Clara Immerwahr ihre Kritik nicht nur zu ihrem Ehemann, sondern ganz offen in einem Umfeld äußerte, das von Kriegsbegeisterung und patriotischer Zustimmung geprägt war. Öffentliche Zweifel an militärischen Maßnahmen galten vielerorts als unpatriotisch. Dennoch hielt sie an ihren Überzeugungen fest. Getreu ihres Doktoreids, den sie am 22. Dezember 1900 ablegte:

Ich schwöre, dass ich niemals in Wort oder Schrift etwas lehren werde, was meiner Überzeugung widerspricht.
Clara Immerwahr (1870-1915)
Clara Immerwahrs Prinzipien: Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Menschheit, Integrität und Wahrhaftigkeit und den Mut zur moralischen Positionierung auch unter Druck, machen sie für mich zu einer Symbolfigur der ethisch reflektierten Wissenschaft.

Am 2. Mai 1915 nahm sich Clara Immerwahr das Leben. Woran sie letztendlich zerbrach - an der menschenvernichtenden Kriegswaffe Giftgas, die ihr Mann nach wie vor glühend verteidigte, oder an seiner ehelichen Untreue ist geschichtlich nicht belegt. Aber in einer Zeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse beispielsweise in Bereichen der KI oder Biotechnologie unabsehbare gesellschaftliche Auswirkungen haben, mahnt uns ihr Leben, dass Fortschritt Verantwortung braucht. Dass Wissen ohne Gewissen zerstörerisch werden kann. Und dass es Menschen braucht, die bereit sind, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

» Mehr über Clara Immerwahr

» Clara Immerwahr und Fritz Haber

Autor:  

Anke Fähnrich

Anke Fähnrich


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