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05.10.2022

25.08.2022

Vollkommen fehlerhaft

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Schale im Völkerkundemuseum Berlin
Schale im Völkerkundemuseum Berlin [CCO]
Kintsugi - schon einmal etwas davon gehört? Zugegeben: mir war der Begriff und die sich dahinter verbergende Philosophie bis vor kurzem gänzlich unbekannt. Neugierig, wie ich nun einmal bin, musste ich dem Ausdruck natürlich auf den Grund gehen und bin ziemlich angetan von der Idee des Kintsugi - praktisch wie philosophisch.

Das japanische Wort bedeutet übersetzt Goldverbindung oder Goldflicken und steht für eine traditionelle Methode, Keramik oder Porzellan zu reparieren. Die Scherben werden sorgfältig zusammengesetzt und mit einem speziellen Urushi-Lack, der aus dem ostasiatischen Lackbaum gewonnen wird, verklebt. Der Lack wird zusätzlich mit Gold-, Silber- oder Platin-Pulver angereichert.

Im Ergebnis erhält man ein Gefäß, das mit dekorativen Gold- oder Silberfäden durchzogen und durch seine Einzigartigkeit zu etwas Besonderem geworden ist. Kintsugi versucht nicht, den Makel der Reparatur zu verbergen, sondern stellt ihn in den Fokus und schafft eine neue Wertschätzung des wiedergewonnenen Objekts. Auch dafür haben die Japaner einen wohlklingenden Namen: Wabi-Sabi. Es bedeutet, die Schönheit im Alten, Vergänglichen oder Fehlerhaften zu erkennen.

Was in Japan seit dem 15. Jahrhundert zelebriert wird, hat in unserem Kulturkreis erst durch zerrissene "Designer Jeans" im Used-Look oder den "Shabby Chic" von Vintage-Möbeln Einzug gehalten. Mittlerweile findet man auch viele DIY-Videos und Bastelanleitungen für Kintsugi-Dekoartikel. Wobei der Vergleich ziemlich hinkt. Kintsugi bedeutet ja, Dinge zu upcyclen und nicht sie absichtlich zu zerstören oder auf verschlissen zu trimmen, damit sie schick sind. Passender ist es da, Kintsugi mit dem Nachhaltigkeitsgedanken zu verknüpfen: Wirf es nicht weg, wenn du es noch reparieren kannst und freue dich darüber, dass es noch zu gebrauchen ist.

Dinge - nicht nur Gegenstände - anders oder neu zu betrachten und mit ihren Fehlern anzunehmen fällt uns nicht immer leicht, aber es bringt uns in vielen Fällen weiter: Überträgt man die Philosophie des Kintsugi und Wabi-Sabi auf das Leben und unser Miteinander, so bedeutet es, dass wir lernen sollten, uns offenen Geistes zu begegnen und auch unvollkommen anzunehmen und wertzuschätzen. Ob es die Macken oder Fehler anderer sind oder unsere eigenen. Nicht urteilen und ablehnen, sondern leben und leben lassen, ohne unsere Überzeugungen anderen aufzudrängen. Perfektion ist nicht immer das Nonplusultra, oft machen doch erst Unzulänglichkeiten und "Klebestellen", die das Leben mit sich bringt, die Menschen für uns sympathisch. Oder mit den Worten des Bibliothekars und Autors Reisenberg ausgedrückt:

Vollkommen ist man nur unter Hinzuziehen seiner Mängel.
Martin Gerhard Reisenberg (*1949)

» Über Kintsugi und Wabi-Sabi

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Autor: Anke Fähnrich


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anonym03.10.2022 um 15:44:51

In der Archäologie wird das schon lange so gehandhabt - meist weiße Nähte zieren die Bruchstellen, spätestens seit den frühen 70er Jahren ...




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