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19.08.2022

20.07.2022

Wunderbarer neuer Blickwinkel

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Baum im Asphalt
Bild: PIXNIO [CCO]
Heutzutage teilt man seinen Seelenzustand ja gerne über Social-Media-Kanäle. Besonders freitags und montags werde ich regelmäßig mit Posts bombardiert, die darauf hinweisen, wie froh man ist, ins Wochenende zu starten bzw. wie unerträglich der Beginn der neuen Arbeitswoche ist. Der Alltag scheint vielen Mitmenschen eine große Last zu bedeuten.

Sicher, jetzt zur Urlaubszeit, freuen sich wahrscheinlich alle, dem Alltag zu entfliehen, die Seele baumeln zu lassen oder einen aktiven Urlaub, bar aller Verpflichtungen zu unternehmen. Aber ist der Alltag denn wirklich so schlimm, wie immer behauptet wird?

Alltag ist nur durch Wunder erträglich.
Max Frisch (1911-1991)
soll der Schweizer Schriftsteller Max Frisch gesagt haben. Ist das wirklich so? Braucht es Wunder, um angenehm leben zu können? Hier kommt es sicher darauf an, wo man auf der Weltkugel zu Hause ist. Davon ausgehend, dass Sie als Leser dieses Beitrages in Mitteleuropa verortet sind, würde ich Frischs Aussage erst einmal widersprechen. Objektiv betrachtet, ist der gewöhnliche Alltag an nur wenigen anderen Orten so gut erträglich wie in unseren Breitengraden.

Subjektiv betrachtet ist es aber scheinbar anders, wie die oben genannte Posts vermuten lassen. Nehmen wir also die "Tretmühle" im Job, Probleme mit Kollegen oder innerhalb der Familie unter die Lupe und fügen eine Portion der aktuellen - reichlich vorhandenen - Krisen hinzu, die uns mit Sorgen erfüllen. Jetzt kann es durchaus schier unmöglich werden, den Alltag ohne Wunder zu bestehen. Aber woher so ein Wunder nehmen? Sie hießen ja nicht Wunder, wenn sie nicht ausgesprochen selten wären. Etymologisch betrachtet ist ein Wunder nämlich ein Erstaunen verursachendes, ungewöhnliches Ereignis.

Hier hilft es - wie so oft - den Blickwinkel zu ändern. Statt aufs Smartphone, den Schreibtisch oder die Arbeitsunterlagen zu schauen, lassen Sie den Blick doch mal schweifen: Sonnenstrahlen oder Regenwolken, die sich in den Glasfassaden der Bürotürme spiegeln. Die Pflanze, die sich ihren Weg durch die Asphaltdecke gegraben hat. Petrichor, der Geruch nach einem Regenschauer im Sommer. Der Alltag ist voller kleiner Wunder. Man muss sich nur zurücklehnen und sie wahrnehmen.

Natürlich werden davon die Krisen dieser Welt nicht kleiner und Probleme lösen sich nicht in Luft auf. Auch der Berg an Arbeit auf dem Schreibtisch und der nörgelige Kollege sind weiterhin Bestandteil unseres Alltags. Aber diese kleinen, wunderbaren Augenblicke machen ihn tatsächlich erträglicher. - Danke, Max Frisch, für diesen Denkanstoß!

» Über Max Frisch

Autor: Anke Fähnrich


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