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Das Online-Labormagazin
22.01.2022

09.12.2021

"In meinem Kopf bin ich frei"

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Inklusion
Pixabay [CCO]
Seit dem Jahr 1993 wird am 3. Dezember der "Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung" begangen. Aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Datum, um den Fokus auf die über 8 Millionen Menschen in Deutschland zu richten, die mit mehr oder weniger starken körperlichen und / oder geistigen Einschränkungen leben müssen. Dazu kommen überall im Alltag unüberwindbare Barrieren und Unannehmlichkeiten, an denen sich viel zu langsam etwas verbessert.

Die Probleme, die ein Rollstuhlfahrer beim Reisen, Einkaufen oder Gang in ein Restaurant hat, kann man eigentlich nur ermessen, wenn man selbst mal einen Tag versucht diese Beeinträchtigung zu simulieren und damit sein normales Pensum zu erledigen. Das wurde ja schon öfter in Fernseh-Dokumentationen gezeigt und macht den Zuschauer eigentlich fassungslos.

Ich spreche persönlich lieber von Einschränkungen als von Behinderungen, da das Wort weniger stigmatisiert. Viele Betroffene sind in unserem Alltag gar nicht sichtbar, weil sie entweder nicht am öffentlichen Leben teilnehmen können oder ihre Einschränkungen nach Möglichkeit nicht offen zeigen. Viele wollen wahrscheinlich einfach vermeiden, dass sie stigmatisiert, diskriminiert oder mit den immer gleichen Fragen konfrontiert werden.

Ähnlich geht es auch anderen gesellschaftlichen Minderheiten wie zum Beispiel einem Afrodeutschen, der immer zuerst nach seinem Herkunftsland gefragt wird, wenn er jemand kennenlernt. Oder er bekommt zu hören, dass er erstaunlich gut deutsch spricht. Jeder will doch einfach als Mensch mit all seinen Einschränkungen, Schwächen und Problemen gesehen werden. So versuche ich, im persönlichen Kontakt damit umzugehen, obwohl es mir wahrscheinlich auch nicht immer gelingt.

Ein prominentes Beispiel für extreme körperliche Einschränkungen ist der bekannte Astrophysiker Stephen Hawking, der im Jahr 2018 verstarb. Er war nach Ansicht vieler Experten einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, auch wenn ihm der finale Ritterschlag in Form des Physik-Nobelpreis versagt blieb. Neben seinen Forschungsarbeiten zur allgemeinen Relativitätstheorie und Schwarzen Löchern bleibt sein persönliches Schicksal in Erinnerung.

Mit 21 Jahren erhielt er die Diagnose "Amyotrophe Lateralsklerose", heute meist nur kurz ALS genannt. ALS ist nicht heilbar und trifft etwa 3-8 von 100.000 Menschen vorwiegend zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr. Seine Ärzte prophezeiten Hawking nur noch wenige Jahre Lebenszeit, aus denen schließlich 55 wurden, wenn auch mit immer extremeren Einschränkungen, die sich ein Außenstehender nicht im Entferntesten vorstellen kann.

Er sagte selbst einmal: "Auch wenn ich mich nicht bewegen kann und ich durch einen Computer sprechen muss, in meinem Kopf bin ich frei." Das sagt einiges über seine Lebenseinstellung aus, die sicher ganz viele eingeschränkte Menschen inspirierte und ihnen Mut machte. Vielleicht erklärte das auch, warum sich die Mediziner so getäuscht hatten und Hawkins der Prognose zum Trotz 76 Jahre alt wurde.

Ein weiteres sehr starkes Zitat aus der Sicht von Betroffenen, das im ersten Moment sehr hart und wissenschaftlich nüchtern gilt, stammt auch aus seinem Mund:

Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind.
Stephen Hawking (1942-2018)

» Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen

Autor: Dr. Torsten Beyer


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