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Das Online-Labormagazin
31.07.2021

24.06.2021

Gut Ding braucht Weile ... und einen langen Atem!

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Eisbein mit Sauerkraut
Eisbein mit Sauerkraut (Pixabay [CCO])
Veränderungen, egal auf welcher Ebene, treffen anfangs oft auf Skepsis, wenn nicht sogar auf Ablehnung. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig: Im Beruf fürchtet man vielleicht um den Arbeitsplatz, wenn plötzlich Aufgaben anders verteilt, Prozesse neu organisiert oder Stellen neu geschaffen werden. Als Bürger fürchtet man neue Gesetze und Verordnungen, weil es mehr Steuerbelastungen oder noch höhere Lebenshaltungskosten bedeuten kann.

Und Unternehmen fürchten Unsicherheiten durch veränderte Rahmenbedingungen im globalen Handel und sind nicht erst seit Corona und Brexit im Dauerkrisenmodus, weil irgendwo immer gerade Probleme bestehen. Da reicht es schon, wenn ein Containerschiff im Suez-Kanal für ein paar Tage stecken bleibt; so verzahnt sind die globalen Lieferketten.

Die guten alten Zeiten werden nirgendwo wiederkommen, weil die neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts definitiv andere Lösungen brauchen werden. Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt. Viel zu selten werden Veränderungen als Chance begriffen. Vermutlich liegt das daran, dass niemand gerne seine Komfortzone verlassen möchte. Oder dass die Gründe für Veränderungen schlecht erklärt und die Konsequenzen im Falle von Nichthandeln allzu gerne ausgeblendet werden.

Wie schwer es ist, für Veränderungen einzutreten oder überhaupt ein Problembewusstsein zu schaffen, sehe ich ganz praktisch, wenn ich an den regelmäßigen Videokonferenzen der Scientists for Future, Ortsgruppe Darmstadt, teilnehme. Sie beschäftigen sich aktuell primär mit dem Thema Klimaschutz und darum, wie Klimaneutralität in Darmstadt bis 2035 durch konkrete Maßnahmen erreicht werden kann.

Mit diesen Themen beschäftigen sich aktuell sicher viele Städte und Kommunen in Deutschland. Es fehlt wahrlich nicht an Ideen, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind. Die Umsetzung droht eher daran zu scheitern, dass klare Entscheidungsstukturen und eine Moderation fehlen. Dann verlieren sich die Verantwortlichen oft in sinnlose Detaildebatten, sodass keiner mehr das große Ganze vor Augen hat. Wer jetzt an die letzten interne Firmenmeetings denkt, hat vielleicht ein Déjà-vu...

Die Politik umkreist leider auch andere drängende Zukunftsthemen wie Mikroplastik, Lebensmittelknappheit oder Pandemien und deren Folgen, sitzt wie das Kaninchen vor der Schlange und verschiebt Antworten und Regulierungen, die jetzt nötig sind, immer noch viel zu gerne auf die fernere Zukunft. Daran wird auch die heutige Verabschiedung eines neuen Klimaschutzgesetzes im Bundestag nur wenig ändern. Aber die Scientists for Future und viele andere Initiativen bleiben dran!

Die heute vorgestellten Ergebnisse des Bürgerrat Klima unter Vorsitz des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler, der aus 160 zufällig ausgewählten Bürgern besteht, zeigen, dass viele Vorschläge weit über die aktuell geltenden Regelungen hinausgehen. Die kommende Bundestagswahl wird sicher wegweisend sein. Und da hat jeder Bürger eine Stimme, um die Richtung für die nächsten Jahre mitzubestimmen.

Der berühmte und für seine spitzzüngigen Kommentare bekannte Schauspieler Peter Ustinov hat das Problem einmal sehr schön auf den Punkt gebracht:

Wer auf der Stelle tritt, kann nur Sauerkraut fabrizieren.
(1921-2004)

Ich mag übrigens kein Sauerkraut, bin damit aber mutmaßlich die große Ausnahme in unserem Land. Nicht von ungefähr heißen wir Deutschen ja insbesondere im angelsächsischen Raum nur die "Krauts". Das wird man vor dem EM-Achtelfinale gegen England am kommenden Dienstag wieder vermehrt hören.

Vielleicht dauern manche Dinge wie die Digitalisierung deswegen so lange, weil wir einfach zu viel Sauerkraut produzieren und deswegen nicht vom Fleck kommen. Diese Verdrehung des Zitats hätte Peter Ustinov wahrscheinlich auch gefallen.

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Autor: Dr. Torsten Beyer


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