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27.09.2021

02.06.2021

Gegenwind

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Wetterhahn
Bild: pixabay [CCO]
Zu vielen Dingen habe ich eine Meinung - in der Regel meine eigene. Ab und zu ändere ich meine Meinung auch; nämlich dann, wenn ich eines Besseren belehrt werde oder neue Erfahrungen mache.

Manchmal ändert sich die Meinung einfach so, weil man Neues dazu lernt, aber gelegentlich gehen der Meinungsänderung auch kontroverse Diskussionen voraus. Diese enden dann damit, dass man davon überzeugt wurde, dass die bisherige Meinung nicht schlüssig, nicht gut durchdacht war, mittlerweile überholt ist oder auch schlichtweg falsche Informationen als Grundlage hatte.

Wichtig an einer eigenen Meinung ist in jedem Fall, dass man sie sich bildet. Klingt banal? Ist es aber leider nicht! Gerne werden Meinungen nämlich einfach übernommen - auch ungeprüft. Es ist dann ein Leichtes, die eben gefasste Meinung wieder zu ändern, sollte sich eine andere, auch völlig konträre, Meinung anbieten. Denn genau darin liegt das Problem einer Meinung, die man sich nicht selbst gebildet hat: Sie entbehrt jeder Grundlage und ist damit flüchtig und austauschbar.

Menschen, die mit einer anderen Meinung aufwarten, haben dann leichtes Spiel, ihr Gegenüber zu überreden. Auch die Aussicht auf eigene Vorteile oder Pluspunkte, zum Beispiel bei Vorgesetzten, ändern manche Meinung rasant. Das Sprichwort "sich wie ein Fähnchen nach dem Wind drehen" kommt einen in solchen Fällen schnell in den Sinn.

Schlussendlich ist es dann egal, in welche Richtung sich die Meinung ändert, mir sind solche "Wetterfahnen" oder auch (je nach Bundesland) "Wetterhähne" ziemlich suspekt. Weiß man doch nicht, ob sie in anderen Situationen standhafter sind, oder man sich dann genauso wenig auf sie verlassen kann und sie im Ernstfall wieder die Seite wechseln.

Mit diesem Misstrauen bin ich übrigens in recht prominenter Gesellschaft, denn bereits Martin Luther warnte vor "Wetterhähnen, falschen Brüdern und dergleichen Unkraut" und Heinrich Heine diskreditierte die "Politischen Wetterfahnen - sie beschwören Stürme und verlassen sich auf ihre Beweglichkeit".

Es ist natürlich nicht immer leicht, zu seiner Meinung zu stehen und auch mal Gegenwind auszuhalten. Aber das eigene Rückgrat sollte doch stark genug sein, um auch mal unangenehme Situationen aushalten zu können. Denn aus irgendeiner Richtung weht der sprichwörtliche Wind ja immer. Und für den Fall, dass doch mal Windstille in der Großwetterlage der Meinungsbildung herrschen sollte, hat der polnische Lyriker und Satiriker Stanislaw Jerzy Lec für die "Wetterfähnchen" gute Nachrichten:

Wenn überhaupt keine Winde wehen, hat sogar der Wetterhahn auf dem Turm Charakter.
Stanislaw Jerzy Lec (1909-1966)

» Buchtipp: Stanislaw Jerzy Lec - Sämtliche unfrisierte Gedanken

Autor: Anke Fähnrich


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