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16.10.2021

15.04.2021

"Die Wissenschaft" weiß es ja auch nicht ...

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Daten - Informationen - Wissen
Daten - Informationen - Wissen
(Pixabay [CCO])
In der öffentlichen Diskussion hört man oft pauschalierende Sätze, die mit "Die Wissenschaft sagt ..." bzw. "Es ist allgemeiner wissenschaftlicher Konsens, dass ..." oder ähnlichen Formulierungen beginnen. Dabei weiß eigentlich jeder, dass es "Die Wissenschaft" genauso wenig wie "Die Politiker" oder "Die Jungen" gibt. Im gleichen Atemzug werden abweichende Meinungen mit "Die Wissenschaft ist sich ja auch nicht einig!" oder "Die Wissenschaft weiß es ja auch nicht!" abgetan.

Jeder Blick in die Zukunft ist naturgemäß schwierig und mit mehr oder weniger großen Unsicherheiten verbunden, was alleine schon mit dem Wetterbericht für die nächsten drei Tage jedem bewusst ist. Aber wie lässt sich dieses Dilemma auflösen, das ständig zu Irritationen und hitzigen Diskussionen in den Medien führt?

Es wäre schon viel geholfen, wenn Wissenschaftler zwischen ihrer persönlichen Meinung und dem aktuellen "Stand der Forschung" klar trennen würden oder sich über Themen außerhalb ihres Fachgebiets eher vorsichtig oder auch gar nicht äußern würden. Noch besser wäre es, gleich auf die entsprechenden Fachleute und deren Einschätzung zu verweisen. So machen es zum Beispiel Christian Drosten und Sandra Ciesek in ihrem regelmäßigen Corona-Podcast beim NDR und viele andere Forscher und Wissenschaftsjournalisten, die aktuell in kaum einer Talk Show fehlen dürfen. Aber eben leider längst nicht alle!

Gefährlich wird es, wenn vermeintliche Fachleute mit akademischen Titeln, die gar nicht aktiv forschen und sich trotzdem zu Themen äußern, die sie sich vielleicht nur oberflächlich angelesen haben. Und wenn sie dies dann mit der gleichen Überzeugung wie die führenden Forscher eines Fachgebiets vortragen, führt das zu zusätzlicher Verunsicherung und diskreditiert am Ende die gesamte Wissenschaft.

Es ist genauso problematisch, wenn die Wissenschaftsredaktionen mancher Medien jede eingereichte Veröffentlichung bei einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift direkt als die neue Wahrheit verkaufen und sofortige Konsequenzen für die aktuelle Corona-Politik fordern. Und alles nur, um Schlagzeilen und Klicks zu produzieren oder die Wissenschaft zu diskreditieren. So wird Vertrauen bei der Bevölkerung nachhaltig verspielt!

Hier wäre generell von allen Seiten mehr Demut und Geduld angebracht. Nur wer wirklich etwas Substantielles beizutragen hat, sollte sich äußern und zitiert werden. Und ob eine neue Studie wirklich haltbar ist und bald zu "wissenschaftlichem Konsens" wird, müssen die entsprechenden Fachgremien oder Gutachter bei Zeitschriften beurteilen. Denn nur sie haben die Qualifizierung dafür. Und ja, auch sie können sich gelegentlich irren, aber das Risiko müssen wir eingehen. Daher braucht es mehr Wissenschaftler, die in den Medien ihren Fachbereich erklären, und kompetente Wissenschaftsjournalisten, die die Fakten richtig einzuordnen versuchen. Beides ist eine große Herausforderung, weil es selten eindeutige Antworten gibt, auf die alle so sehr hoffen.

Vielleicht sollten wir den Rat des spanischen Philosophen und Schriftstellers Miguel de Unamuno immer vor Augen haben, von dem viele kluge Weisheiten, die alle auch heute noch gelten, überliefert sind:

Wahre Wissenschaft lehrt vor allem, zu zweifeln und unwissend zu sein.
Miguel de Unamuno (1864-1936)

» Fünf Weisheiten von Miguel de Unamuno

Autor: Dr. Torsten Beyer


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