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Das Online-Labormagazin
25.07.2021

08.04.2021

Nach mir die Sinnflut

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Unsinn
Bild pixabay [CCO]
Gerade in Zeiten wie diesen, in denen ein spezielles Thema sämtliche Medien und auch die persönlichen Gespräche dominiert, stößt man auf sehr viele, meist selbsternannte "Spezialisten", die unglaublich viel Unsinn zu berichten haben.

Derzeit befinden sich sehr viele Immunbiologen, Virologen und Mediziner in der Bevölkerung. Es gab aber auch vor nicht allzu langer Zeit eine Menge von Klimaforschern, Wetterexperten und Umweltanalytikern zu vermelden. Oftmals scheint es sich dabei um Universalgelehrte zu handeln, die wahlweise auch als Verkehrsexperten, Einwanderungsspezialisten oder Wirtschaftsweise zur Verfügung stehen.

Ausgestattet mit einem soliden Halbwissen, bereichern oder dominieren diese Zeitgenossen auf mehr oder weniger angenehme Weise sämtliche Gespräche oder fluten soziale Netzwerke mit teilweise hanebüchenen Kommentaren, die - je nachdem, wie eng man mit ihnen verflochten ist - zum Kopfschütteln bis hin zum Fremdschämen führen. Leider lassen sich nicht alle dieser "Spezialisten" auf konstruktive Diskussionen ein. Oft sind sie von sich und ihrer Argumentationsweise so überzeugt, dass sie resistent gegen die Erweiterung ihres Horizontes sind und sich neuen, selbst wissenschaftlich belegbaren, Erkenntnissen strikt verweigern.

Nun könnte man leicht darüber hinwegsehen, bestünde nicht immer die Gefahr, dass der so von seinem unsinnigen Wissen Überzeugte andere Mitmenschen mit seinen teils unausgegorenen Theorien infiziert. Der Bibliothekar und Autor Martin Gerhard Reisenberg hat folgende Warnung formuliert, die gut in diesen Zusammenhang passt:

Selbst blühender Unsinn dürfte später schwer kompostierbar sein.
Martin Gerhard Reisenberg (*1949)
Ist der Unsinn erst einmal in den Köpfen einer breiten Masse verankert, ist es schwer bis unmöglich, ihn wieder mit sinnhaften Argumenten zu bekämpfen oder gar auszumerzen. Meist bleibt ein Rest des Unsinns zurück, stets bereit, sich bei günstiger Gelegenheit in den Vordergrund zu drängen und zu neuer Hochform aufzulaufen, sprich, sich erneut zu verbreiten.

Alternative Fakten und einfache Antworten sind einfach leichter zu handhaben als komplexe Zusammenhänge, die das "große Ganze" im Blick haben. Dabei muss es sich gar nicht um großartige Verschwörungstheorien handeln, die verbreitet werden. Oft reichen schon interessante - sprich Effekt haschende - Details, damit eine Theorie oder Neuigkeit viral geht, ohne auf ihren tatsächlichen Wahrheitsgehalt geprüft zu werden. Auch wenn es recht plausibel klingen mag, dass Donald Trump Teile seiner Antrittsrede aus dem Animationsfilm "Bee Movie - Das Honigkomplott" kopiert haben soll, so konnte dieser Unsinn doch widerlegt werden.

Dem entgegenzuwirken findet man unter der Abkürzung P-L-U-R-V eine von der Seite klimafakten.de in Zusammenarbeit mit SkepticalScience.com entwickelte Methode, der Desinformation und Leugnung wissenschaftlicher Fakten entgegenzuwirken. P-L-U-R-V steht dabei für Pseudo-Experten, Logik-Fehler, Unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei und Verschwörungsmythen. Vielleicht schaffen wir es ja, uns diese Methoden zu verinnerlichen und damit den schwer kompostierbaren Unsinn zu stoppen - oder eben in eine Sinnflut umzuwandeln.

» Mehr über P-L-U-R-V

» Hoaxilla - der skeptische Podcast aus Hamburg

Autor: Anke Fähnrich


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anonym09.04.2021 um 09:52:09

Danke für diesen wunderbaren Artikel. Er spricht mir aus der Seele.


anonym09.04.2021 um 11:02:46

Danke für diesen wunderbaren Artikel. Er spricht mir aus der Seele. Dem kann ich mich nur anschließen!!!


anonym16.04.2021 um 09:25:37

Frau Fähnrich, das haben Sie aber schön geschrieben. Irgendwie bin ich erleichtert, dass es noch Menschen gibt, die sich etwas zurücklehnen können und ohne Schaum vor dem Mund die Situation zwar ohne Sachverstand aber mit eigenem Verstand beurteilen.


Herr Werner Zillger16.04.2021 um 21:07:42

Danke Anke, für Deinen sehr lesenswerten Artikel. Dazu fällt mir das Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach ein: "Wer nichts weiß, muss alles glauben."
Mach et jot!


Frau Anke Fähnrich21.04.2021 um 09:10:23

Danke, lieber Werner, für die Rückmeldung. Das Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach haben wir in einem anderen Zusammenhang auch schon gut gefunden: https://analytik.news/blog/2018/86.html




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