29.04.2020

Das ist nicht meine Schuld - das waren die anderen!


Du bist schuld
Bild: pixabay [CCO]
Wer Kinder hat, hat diese Aussage höchstwahrscheinlich schon des Öfteren gehört. Aber in letzter Zeit höre ich sie immer wieder - meist geschickter formuliert - von Erwachsenen, gerne auch von solchen mit Führungsanspruch.

Sündenböcke gibt es schon seit jeher. Im Fußball ist es immer der Trainer, im Weltgeschehen sind wahlweise die Kapitalisten, Kommunisten oder die EU an allem schuld. Gerne werden auch Flüchtlinge, Migranten, ganze Religionsgemeinschaften oder Chinesen (von denen gibt es nämlich so viele) als Schuldige auserkoren.

Hauptsache die anderen, Hauptsache nicht man selbst. Ein beinahe täglich zelebriertes Beispiel für Schuldzuweisungen bietet derzeit der US-amerikanische Präsident auf seinen sogenannten Pressebriefings. Aber auch andere Staatsoberhäupter, die mehr oder weniger demokratisch gewählt wurden, werden nicht müde, sich als unfehlbar zu präsentieren.

Psychologen haben beschrieben, dass die meisten Kinder ab dem sechsten Lebensjahr beginnen, sich schuldig zu fühlen, wenn sie zum Beispiel andere Kinder angegriffen haben. Dies sei hilfreich dabei, andere Kinder zukünftig besser zu behandeln. Somit fördere ein gewisses Schuldgefühl das Sozialverhalten. Die Psychologin Tina Malti beschreibt moralische Schuld als eine Emotion, die dem Mitgefühl ähnelt und Kindern hilft, sich von Aggressionen und unsozialem Verhalten zu distanzieren.

Sollte sich dieses Gefühl bei (manchen) Erwachsenen wieder zurück entwickeln? Man könnte den Eindruck gewinnen. Selbst wenn jemand zu seinem Fehler steht, sich also gewissermaßen schuldig bekennt, folgt doch häufig der Zusatz "aber" oder "hättest du nicht..., dann...". Der Autor Martin-Gerhard Reisenberg formuliert das folgendermaßen:

Die anderen haben nicht nur immer Schuld, sie sind sogar anders schuldig als du.
Martin Gerhard Reisenberg (*1949)

Weniger einflussreich als Staatsoberhäupter aber genauso unangenehm sind die Ewig-Schuldlosen, wenn wir ihnen beruflich oder im privaten Bereich nicht aus dem Weg gehen können. Zumal hier die Gefahr besteht, dass man selbst zum Sündenbock erklärt wird und sich rechtfertigen soll. Hier hilft oft nur die Flucht nach vorn, indem man nicht mit gleichem Kaliber zurückschießt, sondern versucht konstruktiv mit dem Gegenüber zu sprechen. Das gelingt wahrscheinlich umso besser, wenn man dabei im Hinterkopf hat, dass dem nicht Eingestehen von Schuld erwiesenermaßen ein schwaches Selbstwertgefühl, fehlendes Verantwortungsbewusstsein oder sogar eine Persönlichkeitsstörung wie Narzissmus Zugrunde liegt. Fühlen Sie sich jetzt ertappt, ist das vielleicht ein Ansporn, daran zu arbeiten.

Schuld kann man vielleicht mit Schmerzen vergleichen: Wenn mir etwas weh tut, macht mich mein Körper darauf aufmerksam, dass etwas nicht in Ordnung ist - wenn ich Schuldgefühle habe, dann ist in meinem Umfeld etwas nicht in Ordnung. Menschen, die keinen Schmerz empfinden, leben sehr gefährlich. Menschen ohne jedes Schuldgefühl sind gefährlich - das lehrt uns auch die Geschichte.

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» Martin Gerhard Reisenberg

Autor: Anke Fähnrich


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