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16.07.2024

11.07.2024

Vom Knochen zum Gehirn

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alte Handys
Alte Smartphones (Bild: flickr [CC BY-SA])
Am 3. April 1973 legte Martin Cooper, Elektroingenieur bei Motorola, den Grundstein für eine neue Ära. Er stellte sich in New York auf die 6th Avenue und rief seinen Kollegen Joel Engel vom Konkurrenzunternehmen Lab Bells an, um ihm mitzuteilen, dass dieser Anruf von einem Mobiltelefon aus getätigt würde.

Was in unserer Zeit höchstens ein Schulterzucken verursacht, war damals bahnbrechend: der allererste Anruf mit einem Handy. Wobei seinerzeit die Bezeichnung "Handy" nicht wirklich zutreffend war. Schließlich handelte es sich bei den ersten Mobiltelefonen um etwa 800 g schwere und 33 cm lange (die Höhe eines DIN A4 Blatts beträgt 29,7 cm) Geräte, die alles andere als handlich waren und - aufgrund ihrer Form - auch liebevoll als "Knochen" bezeichnet wurden.

Weitere zehn Jahre dauerte es, bis in den USA die Frequenzfrage für die Funksignale der Mobiltelefonie geklärt war. Schließlich erhielt das Modell DynaTAC 8000X von Motorola am 21. September 1983 als erstes kommerzielles Mobiltelefon seine Zulassung. Für den Preis von knapp 4.000 Dollar hatte man immerhin die Möglichkeit 30 Telefonnummern zu speichern. Nach weniger als einer Stunde des Telefonierens war der Akku leer und musste zehn Stunden lang wieder aufgeladen werden.

Schneller als die Einführung des ersten Mobiltelefons ging es mit der Etablierung der Geräte als Statussymbol für wichtige Menschen oder solche, die es sein wollten. Auch die weitere Entwicklung der Geräte nahm Fahrt auf und wird bis heute immer schneller vorangetrieben. Die Möglichkeit Kurzmitteilungen als SMS zu verschicken, Farbdisplays, integrierte Kamera waren die nächsten Schritte.

Das schwedische Unternehmen Ericson brachte 1999 das erste sogenannte Smartphone auf den Markt. Erstmals war ein dauerhafter (wenngleich auch sündhaft teurer) Zugang zum Internet möglich. Auch die Entwicklung der Smartphones ging und geht immer weiter voran. Seit nunmehr 20 Jahren sind sie Standard in der Mobiltelefonie und mittlerweile aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Freiheit heißt auch, sich seine Abhängigkeiten selbst wählen zu dürfen.
Ernst Ferstl (*1955)
schrieb der österreichische Lehrer, Dichter und Aphoristiker Ernst Ferstl passend dazu. Denn ohne Smartphone geht scheinbar gar nichts mehr: Schnell mal etwas googeln, Mails verwalten, Termine organisieren, Bankgeschäfte tätigen, Social-Media-Accounts checken, körperliche Aktivität kontrollieren, überprüfen, wo sich der Nachwuchs gerade befindet, Text- und Sprachnachrichten verschicken, Fotos vom Mittagessen, Ausflug, Urlaub oder von sich selbst schießen und - ganz wichtig - in allen Social-Media-Kanälen posten... als Telefon hat das Handy längst ausgedient und wird in dieser ursprünglichen Funktion nur noch selten genutzt.

Mittlerweile können wir uns kaum noch etwas merken, da wir ja alles, was wir brauchen, in unserm "externen Gehirn" - unserm Smartphone - nachsehen können. Dass sich unser Gehirn durch die Nutzung des Smartphones verändert, hat eine Studie der Universität Zürich bereits 2014 belegt. Auch das Repetitive-Strain-Injury-Syndrom (RSI), besser bekannt als "Handy-Daumen", gehört zu den negativen physischen Folgen. Eine Reihe negativer psychischer Effekte, die nicht zu unterschätzen sind, listet die Wikipedia in ihrem Eintrag zum Smartphone auf.

Dass es zum guten Ton gehört, sich spätestens alle eineinhalb Jahre das neueste Gerät zuzulegen, macht aufgrund des Ressourcenverbrauchs zusätzlich der Umwelt zu schaffen. Beschämend und alles andere als nachhaltig ist es, dass mein voll funktionsfähiges, 6 Jahre altes Samsung Galaxy 9+ - damals die "Oberliga der Smartphones" - seit 2022, also 4 Jahre nach seinem Launch, keine Software-Updates mehr erhält und damit zum digitalen Sicherheitsrisiko für mich geworden ist. Dabei können seine Nachfolgemodelle technisch gesehen keinen für mich sinnvollen Mehrwert bieten. Datensicherheit versus Nachhaltigkeit abwägen zu müssen ist meiner Meinung nach alles andere als zeitgemäß, war aber leider für die führenden Smartphone-Hersteller bislang rechtens und finanziell attraktiv.

Immerhin führte die EU zum März 2023 ein Recht auf Softwareupdates und Ersatzteile für digitale Geräte ein. Allerdings mit großzügigen Übergangsfristen: Herstellern wurde eine Übergangszeit von 21 Monaten gewährt, sodass realistischer Weise erst Ende 2024 oder Anfang 2025 Geräte mit einer Softwareupdate- und Ersatzteilgarantie auf den Markt kommen werden. Schade für mein Handy, dass es zu früh auf den Markt kam, um von dieser Neuerung zu profitieren.

» Geschichte des Mobiltelefons

» Smartphone Update-Garantie - Hersteller und Support

Autor:  

Anke Fähnrich

Anke Fähnrich


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