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23.07.2024

07.09.2023

Vom Stolpern zum Stehen: Ein gesunder Umgang mit Niederlagen

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Kinder beim Sport (Quelle: Pixabay)
Kinder beim Sport (Quelle: Pixabay [CCO])
Eigentlich erinnere ich mich gerne an meine Schulzeit, die nun sehr viele Jahre zurückliegt. Ein Ereignis, an das ich mich überhaupt nicht gerne zurückerinnere, sind die Bundesjugendspiele. Jedes Jahr habe ich mich auf Neue dahin gequält und jedes Jahr auf Neue gewünscht, man möge doch endlich diesen Tag abschaffen. An keinem einzigen Jahr bin ich mit einer Sieger- oder gar Ehrenurkunde nach Hause gekommen. Später in der Oberstufe habe ich mich immer als Helfer gemeldet, um nicht daran teilnehmen zu müssen.

Mein reiferes Ich denkt natürlich ganz anders darüber. Heute verstehe ich, dass die Bundesjugendspiele nicht nur ein Wettkampf waren, sondern auch eine Gelegenheit, Teamgeist, Durchhaltevermögen und den Umgang mit Niederlagen zu lernen. Es war eine Zeit, in der man sich selbst herausfordern und über sich hinauswachsen konnte. Es war nicht nur der Druck, zu gewinnen, sondern auch die Erfahrung, Teil eines größeren Ganzen zu sein und gemeinsam mit Klassenkameraden anzutreten.

Die Bundesjugendspiele stehen derzeit im Zentrum einer hitzigen Debatte. Diese Veranstaltung, die Generationen von Schülern geprägt hat, durchläuft einige Veränderungen: Ab dem Schuljahr 2023/2024 sollen die Spiele in den Sportarten Leichtathletik und Schwimmen für Grundschulkinder bis zur vierten Klasse nur noch als Wettbewerb und nicht mehr im klassischen Sinne ausgetragen werden. Das bisherige Punktesystem, bei dem Leistungen nach bundesweiten Normgrößen bewertet wurden, wird abgeschafft. Stattdessen rückt die Freude an der Bewegung in den Vordergrund, wobei der Fokus weniger auf Leistung und Konkurrenzkampf liegt.

Angesichts dieser aktuellen Debatte bin ich mir nicht ganz sicher, was ich von den Änderungen halten soll. Einerseits finde ich es löblich, dass Sport nicht nur Wettkampf, sondern auch Spaß und Spiel bedeuten kann. Andererseits dürfen Kinder durchaus mit Schwächen konfrontiert werden. Als Mutter würde ich überhaupt nicht auf die Idee kommen, meinem Kind das Lernen oder die Konfrontation mit einer Niederlage bzw. einem Misserfolg zu ersparen.

Interessanterweise gibt es eine ähnliche Debatte im Kinderfußball. Wie ich kürzlich gelesen habe, gibt es dort Überlegungen, keine Tore mehr zu zählen. Auch hier ist der Gedanke dahinter, den Kindern den Druck zu nehmen und den Spaß am Spiel in den Vordergrund zu stellen. Doch wie beim Thema Bundesjugendspiele frage ich mich: Nimmt man den Kindern damit nicht auch die Möglichkeit, sich mit Niederlagen auseinanderzusetzen und daraus zu lernen?

Wie der Schweizer Politiker und Ethiker Carl Hilty treffend bemerkte:

Das Glück des Lebens besteht nicht darin, wenig oder keine Schwierigkeiten zu haben, sondern sie alle siegreich und glorreich zu überwinden.
Carl Hilty (1833-1909)

Der Wettkampfgeist bei Kindern fördert die Motivation, sich selbst zu übertreffen und neue Fähigkeiten zu erlernen. Durch den gesunden Wettbewerb lernen sie, mit Siegen und Niederlagen umzugehen, was ihre emotionale Reife stärkt. Zudem fördert es Teamarbeit, Zielstrebigkeit und die Fähigkeit, Herausforderungen konstruktiv zu begegnen.

Ich finde, dass Kinder gerade in so jungen Jahren lernen sollten, sich im Wettkampf zu messen, und auch mal Niederlagen zu akzeptieren, weil man aus Niederlagen viel Positives lernen kann. Ich sehe das an meinem Sohn, der mit seinen 4 Jahren unglaublich motiviert ist, jedes Rennen zu gewinnen. Sobald er ein Rennen verliert, bricht er in Tränen aus und ist demotiviert. Als Elternteil ist es meine Verpflichtung, ihm beizubringen, dass es auch in Ordnung ist, zu verlieren, und dass er aus einem Misserfolg gesund herausgeht. So sehe ich das Bildungssystem und Lehrer:innen in der Verpflichtung, den Kindern diese Erfahrungen in der Schule mitzugeben. Nimmt man den Kindern die Chance, sich im Wettkampf zu messen, nimmt man ihnen den Ansporn.

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