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02.12.2022

03.11.2022

Unbedacht, aber unvergessen

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Lise Meitner
Lise Meitner mit Studentinnen
im April 1956 [CCO]
Am 7. November 1878 erblickte eine Frau das Licht der Welt, die sie mit Ihren intensiven Forschungen und genialen Schlussfolgerungen bahnbrechend veränderte - Lise Meitner. Geehrt wurden Andere und die Anwendung ihrer Erkenntnisse war auch nicht in ihrem Sinn.

Lise Meitner ist eine der großartigsten Kernphysikerinnen aller Zeiten und hat viele Ehrungen und Auszeichnungen erhalten. Mit dem Nobelpreis wurde sie leider nie bedacht, obwohl sie ihn nach Meinung vieler renommierter Zeitgenossen und Wissenschaftshistorikern verdient gehabt hätte und mindestens 48-mal dafür nominiert wurde.

Aufgewachsen in der "besseren Gesellschaft" Wiens ergriff sie jede sich bietende Gelegenheit, sich in ihrer Lieblingswissenschaft, der Physik, weiterzubilden und zu studieren. 1906 promovierte sie als zweite Frau im Hauptfach Physik an der Wiener Universität. Von dort aus führte sie der Weg nach Berlin, wo sie Vorlesungen bei Max Planck besuchte und ihren wissenschaftlichen Wegbegleiter Otto Hahn kennenlernte.

Unterbrochen vom Ersten Weltkrieg, in dem Lise Meitner als Röntgenschwester der österreichischen Armee an der Ostfront arbeitete, forschte sie gemeinsam mit ihrem Studienkollegen, dem Chemiker Otto Hahn, an radioaktiven Nukliden. Dabei entdeckten sie 1917 das chemische Isotop Protactinium-231. Nach dem Krieg bekam sie nach jahrelanger unentgeltlicher Arbeit endlich eine bezahlte Anstellung, durfte ein eigenes Institut leiten und wurde 1926 an der Berliner Universität Deutschlands erste Professorin für Physik. Gemeinsam mit Otto Hahn und Fritz Straßmann arbeitete sie daran, die 1934 von Enrico Fermi beobachteten Vorgänge bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen aufzuklären.

Ein jähes Ende erfuhr ihre Karriere in Deutschland, als sie 1938 als Jüdin vor dem nationalsozialistischen Regime fliehen musste. Lange hatte sie sich als österreichische Staatsbürgerin sicher gefühlt. Damit war es aber nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vorbei. Lise Meitner floh mit der Hilfe von Otto Hahn und anderen vertrauten Wissenschaftlern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über Holland nach Schweden. Von dort aus unterstützte sie durch regen Briefverkehr Otto Hahns weiteren Versuche mit ihren theoretischen Kenntnissen und ihrer genialen Fähigkeit, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Hahn baute Experimentalanordnungen nach Meitners Anweisungen und bat sie, ihm bei der Interpretation der Ergebnisse zu helfen. Er konnte sich nicht erklären, warum er bei dem Beschuss von Uran-Atomen mit Neutronen plötzlich statt den erwarteten Radium-Isotope das leichtere Element Barium nachweisen konnte.

Im schwedischen Exil kam Lise Meitner während eines Winterspaziergangs mit ihrem Neffen Otto Frisch, ebenfalls Physiker und Gesprächspartner auf Augenhöhe, ein Geistesblitz und damit die Lösung für Otto Hahns Problem: Die Uran-Atome "platzten" nicht, wie Hahn es formuliert hatte, sondern sie wurden gespalten.

In Bibliographien über Lise Meitner wird berichtet, dass sie, auf einem Baum sitzend, während besagtem Winterspaziergangs die Idee zur Kernspaltung notierte. Durch das Spalten des Urankerns mussten nach ihrer Überlegung die Elemente Barium und Krypton entstanden sein. Der dabei auftretende Massenverlust musste in Form von Energie freiwerden. Mithilfe von Einsteins Formel E =m · c2 berechnete sie eine frei werdende Energiemenge von 200 Millionen Elektronenvolt.

Hahn arbeitete mit dieser Erkenntnis weiter und wies in der Folge tatsächlich die von Meitner postulierten Krypton-Isotope nach. Lise Meitner und Ihr Neffe Otto Fritsch veröffentlichten ihre theoretischen Berechnungen zu einer neuen nuklearen Reaktion kurz darauf in der Zeitschrift Nature.

Obwohl Lise Meitner zwei der drei entscheidenden Bausteine für die Entdeckung der Kernspaltung - Versuchsaufbau und Theorie - geliefert hatte, erhielt nur Otto Hahn den Nobelpreis für Chemie des Jahres 1944. Dieser wurde ihm "für seine Entdeckung der Kernspaltung von Atomen" verliehen.

Lise Meitner dagegen ging leer aus. Ob es daran lag, dass sie eine Frau war, Jüdin, oder Physikerin, ob Neider in ihrem schwedischen Umfeld oder sogar Otto Hahn selbst dafür gesorgt haben, dass sie den Nobelpreis nicht bekam, darüber streiten sich die Geister seit Jahren. Lise Meitner selbst schrieb dazu an ihre Freundin, die Naturwissenschaftlerin Birgit Broomé: "Hahn hat sicher den Nobelpreis für Chemie voll verdient, da ist wirklich kein Zweifel. Aber ich glaube, dass Frisch und ich etwas nicht unwesentliches zur Aufklärung des Uranspaltungsprozesses beigetragen haben. Wie er zustande kommt und dass er mit einer so großen Energieentwicklung verbunden ist, lag Hahn ganz fern."

Mindestens 48-mal soll Lise Meitner also für den Nobelpreis nominiert wurden sein. Da sie selbst ihr gesamtes Leben der Wissenschaft verschrieben hatte und nie gerne im Rampenlicht stand, konnte sie vielleicht damit umgehen, dass ihr diese höchste Ehrung nie zuteilwurde.

Ich kam immer zu dem Schluss, dass das Leben nicht einfach sein muss, wenn es nur inhaltsreich ist.
Lise Meitner (1878-1968)
wird Lise Meitner zitiert, und inhaltsreich war ihr Leben auf alle Fälle. Welche Folgen die Entdeckung der Kernspaltung - und die richtige Interpretation der Versuche - für die Wissenschaft und das politische Weltgeschehen hatte, wurde spätestens nach den Abwürfen der Atombomben über Japan jedem bewusst. Lise Meitner bezeichnete sich selbst als Pazifistin und distanzierte sich - ebenso wie Hahn und andere Wissenschaftler, die die Grundlagen zu der Entwicklung der Bombe legten - von deren Einsatz.

Zahlreiche andere Ehrungen, die den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden, hat sie zeitlebens erhalten. Eine - wie ich finde - vielleicht noch größere Ehre als die Verleihung des Nobelpreises, die Lise Meitner leider erst posthum zuteilwurde, hat Otto Hahn bislang nicht erhalten, obwohl er dafür kurzfristig im Gespräch war. 1997 wurde das 1982 erstmals bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt künstlich erzeugte radioaktive Element mit der Ordnungszahl 109 nach ihr benannt: Meitnerium.

» Buchtipp zu Lise Meitner

» "Weihnachtsspaziergang ins Atomzeitalter"

Autor: Anke Fähnrich


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