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Das Online-Labormagazin
03.12.2022

13.10.2022

Von Bytes und Sandkörnern

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Daten-Tsunami
Daten-Tsunami (Pixabay [CCO])
Der mantraartig seit Ende März 2022 von Robert Habeck wiederholte Satz "Jede eingesparte Kilowattstunde zählt!" kann uns im Herbst und Winter noch mehr beschäftigen, als allen lieb ist. Denn trotz exorbitant steigender Energiepreise geht der Stromverbrauch nicht in erforderlichem Maße zurück, was aktuell hauptsächlich den Privathaushalten angelastet wird.

Doch wo soll man privat noch mehr einsparen, wenn man alle Glühbirnen durch LED ersetzt hat, eigene mobile Solarpanel zum Laden von Handy und Rasierapparat nutzt, den Fernseher öfter ausgeschaltet lässt, keine Computerspiele nutzt und die Zahl der eingeschalteten Lichtquellen im Haushalt reduziert?

Kühlschrank, Heizung, und Internet-Router brauchen rund um die Uhr Strom und die Waschmaschine wird kaum jemand ausgeschaltet lassen und auf Handwäsche umsteigen, um Strom zu sparen. Und Kerzenlicht statt LED-Lampen wäre schlecht fürs Klima und nebenbei kaum praktikabel, weil so viele Kerzen wie benötigt würden sicher gar nicht mehr produziert werden. Sein E-Auto, Lastenrad oder Pedelec stillzulegen, ist sicher auch keine Option. Wo also sollen substantielle Einsparungen beim privaten Stromverbrauch überhaupt noch herkommen?

Ich hätte da eine gute Idee, die nie in der öffentlichen Diskussion thematisiert wird: Stromsparen im Internet, denn kürzlich hat mich eine Zahl in einer Studie aufgeschreckt. Im Internet werden im gesamten Jahr 2022 insgesamt 97 Zettabyte Daten neu erstellt oder kopiert werden. Pro Internet-Nutzer - aktuell geht man von 5 Milliarden aus - werden laut der Studie 44 Megabyte Daten erzeugt. Und zwar jede Minute!

Diese Daten müssen natürlich irgendwo gespeichert werden, um 365/24/7 verfügbar zu sein. 1 Zettabyte sind übrigens 1021 Byte, eine unvorstellbar große Zahl. Wegen der 1024er Skala für die Umrechnung der Einheit Byte sind 97 Zettabyte korrekterweise 114,5 Trilliarden Byte. 1 Byte ist die kleinste adressierbare Speichereinheit in der IT, um ein Zeichen zu beschreiben. Beispielsweise einen Punkt, um eine Analogie zu Sandkörnen in der Sahara zu haben. Denn der Physiklehrer Andree Rossow hat mal abgeschätzt, dass in der Sahara insgesamt 70 Trilliarden Sandkörner liegen.

Also generieren wir in diesem Jahr 1,5-mal so viele Bytes im Internet als es Sandkörner in der Sahara gibt. Alle Prognosen gehen von einer weiteren explosionsartigen Zunahme der genannten Datenmenge aus und wir werden schon bald in neue Sphären vorstoßen: das Yottabyte-Zeitalter. Denn KI-Anwendungen, Metaverse und autonomes Fahren lassen die generierten Datenmengen regelrecht explodieren. 1 Yottabyte sind im Übrigen 1000 Zettabyte also 1,209 x 1024 Byte.

Dass daher immer mehr Strom und Ressourcen zur Produktion von Festplatten und IT-Infrastruktur gebraucht wird, leuchtet jedem ein. Und durch den Energieverbrauch werden wiederum klimaschädliche CO2-Emissonen generiert. Experten gehen derzeit global von mehr als 1 Milliarde Tonnen pro Jahr aus. Aber auch diese Zahl wird wachsen und schon bald wird das Internet, wenn man es als Land betrachten würde, bei den CO2-Emissionen Spitzenreiter werden und sogar China und die USA überholen , wenn wir nicht gegensteuern.

Was kann jeder kurzfristig tun? Zum Beispiel alle Daten löschen, die er irgendwo in einer Cloud gespeichert hat und nicht mehr braucht. Weniger Online-Videos konsumieren oder online spielen wären weitere Ideen. Langfristig müssen Programmierer effizientere und stromsparenderen Code schreiben, Unternehmen nachhaltigere Webseiten haben und auch die unlimitierten Datenflatrates müssen leider weg, denn dadurch denkt niemand mehr über seinen Datenkonsum nach.

Wir können natürlich getreu dem berühmten Zitat von Stanislaw Jerzy Lec "Keine Schneeflocke in der Lawine führt sich verantwortlich" den Kopf weiter in den Sand stecken und mit den Achseln zucken. Ich würde sein Zitat für die Datenflut im Internet und unseren Umgang damit folgendermaßen umschreiben:

Kein Internet-Nutzer fühlt sich für den Daten-Tsunami verantwortlich.
Torsten Beyer (*1968)

Gemeinsam mit ein paar Idealisten, habe ich die vor einiger Zeit die Initiative web4nature gestartet. Wir wollen dort über die CO2-Emissionen durch die Internet-Nutzung aufklären, Firmen bei der Reduktion ihrer Emissionen unterstützen und ein Siegel für besonders klimafreundliche Webseiten anbieten. Denn jeder sollte sich zum Wohle des Planeten verantwortlich fühlen!

Mehr zu diesem Thema gibt es übrigens in meinem Vortrag auf der LAB-SUPPLY Sindelfingen am 19. Oktober 2022!

Autor: Dr. Torsten Beyer


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