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26.09.2022

11.08.2022

Brave Mädchen kommen in den Himmel - mutige fahren nach Pforzheim

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Bertha Benz
Bertha Benz [CCO] und der
Patent-Motorwagen No.1 (Foto Vanroc [CC BY-SA])
August 1888. Am frühen Morgen macht sich eine junge Frau gemeinsam mit ihren beiden Teenager-Söhnen heimlich auf den Weg von Mannheim nach Pforzheim, um den Leuten zu beweisen, dass die Erfindung ihres Mannes nicht nur großartig, sondern auch praxistauglich ist.

Frauen hatten sich zu dieser Zeit zwar schon im Allgemeinen Deutsche Frauenverein organisiert, um für ihr Recht auf Bildung und Selbstbestimmung zu kämpfen, aber wirklichen Einfluss oder gar die Möglichkeit, Karriere zu machen, hatten sie nicht. Glück hatte frau, wenn sie in einem liberalen, gut situierten Elternhaus aufwuchs und der Vater seine Töchter die höhere Töchterschule besuchen ließ.

Eine dieser Frauen war Bertha Ringer aus Pforzheim. Seit sie im Alter von 10 Jahren erfahren hatte, wie enttäuscht ihr Vater war, dass auch das dritte Kind "wieder nur ein Mädchen" sei, versuchte sie diesen "Makel" wettzumachen. Vielleicht war das der Grund für ihren Wissensdurst, Ehrgeiz und Mut.

Bertha lernt den verschuldeten Maschinenbau-Ingenieur Carl Benz kennen und lieben. Noch vor der Hochzeit lässt sie sich - nach harten Diskussionen mit Ihren Eltern - ihre Mitgift auszahlen, die sie in Carls Unternehmen investiert. Auch nach der Hochzeit im Jahr 1872 arbeitet sie in seinem Unternehmen mit und unterstützt ihren Mann mit Ideen und Tatkraft bei der Entwicklung des ersten straßentauglichen Personenwagens. Dieser erhält 1886 zwar ein Patent, wird aber von der Bevölkerung verlacht oder gefürchtet.

Fahrgenehmigungen gibt es weniger als Fahrverbote und außerhalb von Mannheim und Umgebung darf der dreirädrige Patent-Motorwagen überhaupt nicht fahren. Carl Benz ist von den Rückschlägen so entmutigt - und wieder mal verschuldet -, dass er aufgeben will. Nicht so seine Frau Bertha.

Sie fährt mit ihren beiden Söhnen, aber ohne Fahrerlaubnis und ohne das Wissen Ihres Mannes, zu ihrer Mutter nach Pforzheim. Die Strecke von gut 100 Kilometern schafft sie bis zum späten Abend. Zwischenzeitlich lässt sie ihrem Mann immer wieder telegrafieren, dass es ihr gut gehe.

Unterbrochen wird die Fahrt von mehreren "Tankstopps", in denen Waschbenzin aus Apotheken besorgt und nachgefüllt werden muss. Außerdem führt Bertha Benz Reparaturarbeiten kreativ und eigenhändig durch. Mit ihrer Hutnadel geht sie gegen eine verstopfte Treibstoffleitung vor und ihr Strumpfband dient als Ersatz für den Antriebsriemen. Bergauf muss der Wagen teilweise geschoben werden, weil die Übersetzung des Getriebes nicht ausreicht, ihn anzutreiben. Das bringt Bertha auf die Idee, einen dritten Gang einzubauen, was ihr Mann in den nachfolgenden Modellen auch bereitwillig umsetzt.

Diese ziemlich gefährliche und zudem verbotene Fahrt ging als erste motorisierte Überlandfahrt in die Geschichte ein. Sie führte dazu, dass Carl Benz' Erfindung endlich als alltagstauglich galt, Beachtung und Zuspruch fand und schließlich zum weltweiten Verkaufsschlager wurde.

Es ist gut zu wissen, dass man eigentlich alles machen kann. Man muss nur damit anfangen.
Julie Deane (*1966)
hat die Unternehmerin Julie Deane gesagt. Um die Schulausbildung ihrer Tochter zu finanzieren, gründete sie im Jahr 2008 mit einem Startkapital von 600 britischen Pfund die Cambridge Satchel Company, die mittlerweile Millionen umsetzt.
Carl Benz wusste den Anteil seiner Frau an seinem Erfolg zu schätzen und schrieb in seinen Memoiren: "Nur ein Mensch harrte in diesen Tagen, wo es dem Untergange entgegenging, neben mir im Lebensschifflein aus. Das war meine Frau. Tapfer und mutig hisste sie neue Segel der Hoffnung auf."

Mittlerweile sind Autos selbstverständlich, haben vier Räder und sechs Gänge. Wir sind maximal eine Stunde von Mannheim nach Pforzheim unterwegs, wenn wir nicht gerade im Stau stehen, weil es nicht mehr nur einen einzigen, sondern ungefähr 60 Millionen Motorwagen in Deutschland gibt.

Auch wenn man die große Anzahl der PKW und ihren Einfluss auf Umwelt, Klima und Ressourcenverbrauch mittlerweile durchaus kritisch betrachten muss, sind der Wagemut, die Kreativität und die Leistung von Bertha Benz beachtens- und bewundernswert. An ihr können (nicht nur) wir Frauen uns immer noch ein Beispiel nehmen.

» Bertha Benz Memorial Route - von Mannheim nach Pforzheim

» Cambridge Satchel Company

» "Innovation made by women" - weitere patente Frauen

Autor: Anke Fähnrich


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