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19.08.2022

14.07.2022

Zwei Pizzen, die irgendwann 380 Millionen Euro wert waren

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Bitcoin
Bitcoins (Pixabay [CCO])
Bitcoin, Etherium, Tether, Cardano, Solana, Ripple, Dogecoin, ... Das sind nicht die ersten Worte einer Neuauflage des bekannten und Songs "MfG" der Fantastischen Vier, sondern ein paar Namen von Kryptowährungen.

Von Bitcoin hat sicher jeder schon mal gehört, weil in den Nachrichten beispielsweise über wahnsinnige Kursschwankungen zwischen 20.000 und 40.000 Dollar für 1 Bitcoin innerhalb der letzten Monate berichtet wurde. Wer nicht zu der kleinen Gruppe der Eingeweihten und Profiteure gehört, kann nur mit den Achseln zucken. Was soll das? Was bringt das? Wohin führt das?

Die Grundidee hinter Kryptowährungen klingt auf den ersten Blick interessant: Analog zur uneingeschränkten globalen Informationsbeschaffung und -verteilung mithilfe des Internets sollte damit ein dezentrales, ausfall- und fälschungssicheres Buchungssystem geschaffen werden. Damit können beispielsweise Zahlungen kryptografisch legitimiert und über ein Netzwerk gleichberechtigter Computer abgewickelt werden.

Das Prinzip hinter Bitcoin, die Blockchain, ähnelt in ihrer Funktionsweise dem Journal einer Buchführung, wo jeder einzelne Posten registriert wird und in direktem Bezug zur letzten Buchung steht. Bevor ich noch weitere Erklärungsversuche anstelle, zitiere ich lieber aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema Blockchain:

"Entscheidend ist, dass spätere Transaktionen auf früheren Transaktionen aufbauen und diese als richtig bestätigen, indem sie die Kenntnis der früheren Transaktionen beweisen. Damit wird es unmöglich gemacht, Existenz oder Inhalt der früheren Transaktionen zu manipulieren oder zu tilgen, ohne gleichzeitig alle späteren Transaktionen ebenfalls zu ändern. Andere Teilnehmer der dezentralen Buchführung erkennen eine Manipulation der Blockchain dann an der Inkonsistenz der Blöcke."

Es braucht viel Mathematik, viel Rechenpower und auch sehr viel Strom, um dieses System möglichst fälschungssicher zu machen und neue Bitcoins zu berechnen. Die theoretischen Grundlagen stammen aus den frühen 1990iger Jahren. Den Bitcoin als Kryptowährung gibt es bereits seit 2009. Wer sich tiefer einlesen will, dem empfehle ich die längeren Artikel "Per Anhalter durch die Blockchain" von Marcel Waldvogel und "Das Dritte Web" von Jürgen Geuter (s.u.). Es ist zwar relativ schwere Kost, aber wenn man zu dem Thema mitreden will, sollte man ein paar Basics kennen.

Im Prinzip kann heute jeder sein eigenes "virtuelles Geld" generieren und so verwundert es nicht, dass Mitte 2021 knapp 11.000 Kryptowährungen mit einer Marktkapitalisierung von 1,4 Billionen US-Dollar bekannt waren. Und auch die Geschichte des Programmierers Laszlo Hanyecz hat sicher bei so manchem die Gier geweckt. Denn er bezahlte im Jahr 2010 zwei Pizzen mit 10.000 Bitcoin. Wenn er seine Bitcoins behalten hätte, wären sie 2021 unglaubliche 380 Millionen Euro wert gewesen. Er hätte nur jemand finden müssen, der sie ihm abkauft. Für mich belegt diese Geschichte wieder, dass Computer-Nerds besser keine Geschäfte im realen Leben tätigen sollten...

Es gibt aktuell übrigens zwei Länder, El Salvador und die Zentralafrikanische Republik, die Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel akzeptieren. Das darf man aber eher als Feldversuch, denn als Zukunftsvision für den Rest der Welt sehen. Auch wenn die Befürworter von Kryptowährungen das gerne hätten. Facebook spekulierte 2019 mit der Einführung einer eigenen Währung. Sie sollte erst Libra und dann Diem heißen. Nach massivem Einspruch von Zentralbanken und Regierungen weltweit wurde das Vorhaben schnell wieder auf Eis gelegt - zumindest vorläufig.

Wenn wir ein solch unabhängiges globales Finanzsystem zu Ende denken, könnte es nie mehr Sanktionen gegen irgendein Land geben, denn Kryptowährungen sind von ihrer Grundidee her nicht regulierbar.

Insgesamt bleibt die Krypto-Welt wahrscheinlich nicht nur für mich nebulös und eine Spielwiese für Spekulanten. Aber vor sinnvollen Ansätzen der Blockchain-Technologie sollten wir nicht die Augen verschließen. Beispielsweise in der Qualitätskontrolle und Rückverfolgung von Chargen einer Produktionslinie.

Der US-amerikanische Komiker und Moderator John Oliver hat eine, wie ich finde, sehr schöne Definition für Kryptowährungen in einer seiner Sendungen kreiert, die wahrscheinlich 99 Prozent aller Menschen - mich natürlich eingeschlossen - unterschreiben würden:

Kryptowährungen: Alles, was Sie über Geld nicht verstehen, kombiniert mit allem, was Sie über Computer nicht verstehen.
John Oliver (*1977)

» Cryptocurrencies: Last Week Tonight with John Oliver (HBO) (11.03.2018)

» Per Anhalter durch die Blockchain (Marcel Waldvogel, 08.04.2022)

» Das Dritte Web (Jürgen Geuter, 04.02.2022)

Autor: Dr. Torsten Beyer


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