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19.08.2022

30.06.2022

Jeder tickt anders

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Bild: pixabay [CCO]
Gehören Sie zu den sogenannten "Lerchen" oder "Early Birds"? - Dann brauchen Sie nicht weiterzulesen. Anderenfalls interessiert es Sie vielleicht, warum es Ihnen so schwerfällt, morgens auf den Wecker zu hören.

Verantwortlich für unsere innere Uhr sind die Gene. Kalifornische Wissenschaftler fanden 2016 durch DNA-Untersuchungen an 90.000 Menschen heraus, dass 15 Gene den Unterschied machen, ob man zu den Frühaufstehern oder Nachteulen gehört. Im Jahr 2018 berichteten Wissenschaftler der Berliner Charité im Journal Of Clinical Investigation, dass die innere Uhr des Menschen anhand einer Blutprobe bestimmt werden kann.

Zu wissen, wie man "innerlich tickt", ist in vielerlei Hinsicht wichtig. Nicht nur Schlaf und Müdigkeit, sondern auch unsere Immunabwehr, Wundheilung und sogar der Hormonhaushalt und das Aggressivitätslevel werden von der Inneren Uhr gesteuert. Eine so genannte Chronotherapie, auf die persönlichen Bedürfnisse des Menschen abgestimmt, könnte demnach die medizinische oder therapeutische Behandlung von Patienten optimieren.

Chronobiologie ist eine anerkannte Wissenschaft, die die unterschiedlichen Chronotypen erfasst und analysiert. Am bekanntesten sind wahrscheinlich die Lerchen als Frühaufsteher und die Eulen als Nachtmenschen. Anfang der 2000er Jahre hat der amerikanische Schlafforscher Michael Breus die Einteilung neu gedacht. Er unterscheidet etwas differenzierter zwischen vier Chronotypen: Bär, Delfin, Löwe und Wolf. Allerdings bezieht er sich nicht auf genetische Grundlagen, sondern stellt das Verhalten der Personen in den Vordergrund.

Letztlich geht es natürlich auch hier darum, dass manche Menschen einfach lieber etwas länger liegen bleiben und/oder später produktiv und effizient arbeiten als andere. Und das ist in unserer Gesellschaft leider der "Casus Knacktus". Egal, ob als Schüler oder als Angestellter; nur selten kann man sich die Arbeitszeit nach seinen persönlichen Vorlieben und Befindlichkeiten einteilen.

Die Schauspielerin Trude Herr besang das Dilemma bereits 1960 in dem deutschen Schlager-Film "Conny und Peter machen Musik":

Ich bin morgens immer müde - aber abends bin ich wach.
Trude Herr (1927-1991)
Gesteuert wird der Tag-Nacht-Rhythmus von dem Hormon Melatonin, das im Gehirn gebildet wird und uns müde macht. Verantwortlich für die Produktion sind sogenannte circadiane (von lat. circum dies = ungefährer Tag) Schrittmacher in der Zirbeldrüse über der Kreuzung der Sehnerven, im Darm und in der Netzhaut. Diese sorgen dafür, dass die Melatoninkonzentration im Laufe der Nacht zunimmt und einen erholsamen Schlaf ermöglicht. Je nach Chronotyp steigt der Melantoninwert zu einer bestimmten Zeit über einen festgelegten Schwellenwert. Dieser Zeitpunkt wird DimLight Melatonin Onset oder kurz DLMO genannt. Ist der Schwellenwert überschritten, wird sozusagen die persönliche Nacht eingeleitet und man wird innerhalb der nächsten 1½ bis 2 Stunden einschlafen.

Leider kann man diesen Zeitpunkt aber nicht selbst beeinflussen. Genauso wenig wie gesellschaftliche Zwänge im Tagesablauf. Es gibt zwar Ansätze, die Arbeitszeiten chronobiologisch zu optimieren und an die unterschiedlichen Mitarbeitenden anzupassen, aber bis zu einem Leben ohne Wecker wird es für die meisten wohl noch ziemlich lange dauern, sodass der Liedtext von Trude Herr weiterhin nicht an Aktualität verliert:

"Wenn der Wecker morgens rasselt
und der Tag nimmt seinen Lauf
ist die Stimmung mir vermasselt,
denn ich steh' so ungern auf!"

» Artikel der Chronobiologen A. Kramer und T. Kantermann über die innere Uhr

» Test: Welcher Chronotyp bist du?

» Trude Herr "Ich bin morgens immer müde"

Autor: Anke Fähnrich


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