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22.01.2022

22.12.2021

Weihnachten bei Hoppenstedts

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Weihnachtsbaum mit Lametta
Typischer Weihnachtsbaum mit
Lametta in den 1970er Jahren [CCO]
Was "Dinner for One" für Silvester ist, das ist "Weihnachten bei Hoppenstedts" für Heiligabend. Es gibt wohl keine satirische Fernsehsendung, die den Konsumwahn zur Weihnachtszeit und seine aberwitzigen Blüten so bösartig karikiert, wie die 1978 von Vicco von Bülow, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Loriot, produzierten Sketche zum Advent. Für die damalige Zeit waren sie sicher sehr provokant, heute sind sie für viele Fans absolute Klassiker des Humors.

Wenn Opa Hoppenstedt für seinen etwas pummeligen Enkel mit dem heute politisch völlig inkorrekten Namen Dicki einen Bausatz für ein Atomkraftwerk kauft, wenn Herr Hoppenstedt seine Geschenke auspackt und in jeder Verpackung hässliche Krawatten findet und wenn Opa Hoppenstedt sein Geschenk, eine Schallplatte mit Marschmusik, auspackt und diese zum Verdruss der Familie laut abspielt, dann fühlt sich manchen sicher an eigene Erlebnisse erinnert.

Ebenso legendär ist das Weihnachtsgedicht "Zicke Zacke Hühnerkacke", das Dicki dem Weihnachtsmann aufsagt, den er oder sie (das wurde nie aufgelöst) direkt als den Opa erkennt. Und der Höhepunkt per Party ist natürlich das berühmte Zitat

Früher war mehr Lametta!
Opa Hoppenstedt (1978)

Sie wissen jetzt gar nicht, wovon ich rede? Dann nutzen Sie an Heiligabend die Gelegenheit, die Hoppenstedts kennenzulernen und herzhaft zu lachen und vielleicht an der ein oder anderen Stelle an die eigene Nase zu fassen (ARD: 13.40 Uhr und 23.40 Uhr, NDR 18.05 Uhr). Ich finde diesen Humor köstlich und kann ihn, wie "Dinner for One", jedes Jahr aufs Neue anschauen, weil beides zeitlose Klassiker der Unterhaltung sind.

In den 1970er-Jahren hing Lametta wahrscheinlich noch an den meisten Weihnachtsbäumen, aber anscheinend war es davor noch etwas mehr, wenn man Opa Hoppenstedts Kritik glauben darf. Neben dem umweltschädlichen Lametta werden ja heute zum Glück auch kaum noch brennende Kerzen verwendet, den elektronischen Lichterketten sei Dank!

Lametta hat übrigens eine interessante Geschickte. Laut Wikipedia soll es 1610 in Nürnberg erfunden worden sein, um Eiszapfen an Weihnachtsbäumen zu symbolisieren. Das Wort stammt vom italienischen Wort "lama", das "Metallblatt" bedeutet und "Lametta" ist dessen Verkleinerungsform. Hergestellt wurde es aus Stanniol, also Zinnfolie. Blei hat man nur zugesetzt, um das Gewicht zu erhöhen und den Fall der dünnen Fäden zu verbessern. Aus Umweltgesichtspunkten war das natürlich keine gute Idee! In der ehemaligen DDR soll Lametta aus Alufolie üblich gewesen sein, vermutlich, weil nicht genug Stanniol verfügbar war.

Die Produktion wurde in Deutschland 2015 eingestellt, nachdem die Nachfrage extrem zurückgegangen war. Zu den besten Zeiten wurden 50 Tonnen pro Jahr produziert und wahrscheinlich überwiegend im Hausmüll entsorgt oder beim Verbrennen der Bäume in die Luft freigesetzt. Wobei ich jemand kenne, der sein Lametta nach Weihnachten ordnungsgemäß vom Baum entfernt, gebügelt und für das nächste Jahr eingelagert hat.

Das Zitat beschäftigte im Jahr 2019 übrigens die Gerichte, weil die Nachfahren des 2011 verstorbenen Vicco von Bülow einem Unternehmen untersagen wollten, es auf ein T-Shirt zu drucken. Sie sahen darin eine Urheberrechtsverletzung, was die Richter aber zurückwiesen, da es sich nach ihrer Meinung um einen alltäglichen und eher belanglosen Ausspruch handelt.

So wie Loriot als Bernhard Grzimek die Steinlaus als fiktive Tierart etablierte, ist auch dieser Satz des genialen Künstlers durch Opa Hoppenstedt längst Teil unserer Alltagssprache geworden. Als absoluter Fan gebe ich hier gerne zu, im Besitz eines dieser beinahe verbotenen T-Shirts zu sein. Heute gibt es übrigens Christbaumkugeln, Weihnachtskarten, Tassen, Hoodies und viele weitere Devotionalien mit dem Lametta-Zitat, nachdem die rechtlichen Fragen geklärt sind. Das hätte Loriot sicher gefallen, denn so lebt er mit seinen Zitaten, Sketchen und Figuren in unseren Erinnerungen weiter!

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Autor: Dr. Torsten Beyer


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