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Das Online-Labormagazin
26.10.2021

16.09.2021

Gute Manieren im Digitalzeitalter

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Kommunikation 2.0
Kommunikation 2.0 (pixabay [CCO])
Keine Erfindung der letzten Jahrzehnte hat das Verhalten der Menschen weltweit stärker verändert als das Mobiltelefon. In den späten 1990er Jahren war es noch ein backsteingroßer, klobiger Klotz, den man kaum in einer Hand halten konnte und ein Luxusgut für Reiche. In den frühen 2000er Jahren schaffte es durch Miniaturisierung und deutlich niedrigeren Preisen den Sprung zum Massenprodukt.

Als es den Sprung vom puren Telefon dem Übergang zum Minicomputer mit Kamera, Mikrofon und Apps für alle erdenklichen Anwendungen schaffte und damit zum Smartphone wurde, wollte es (fast) jeder Erdbewohner haben. In meinem Bekanntenkreis kenne ich nur einen bekennenden Handyverweigerer aus Überzeugung, dessen Leben durch diese Haltung deutlich komplizierter wurde.

Online-Banking, Packstation, im letzten Jahr zusätzlich Corona- und Luca-App und viele andere Anwendungen setzen heute einfach den Besitz eines Smartphones voraus oder man kann sie einfach nicht mehr nutzen. Klar gibt es PIN-Generatoren, aber die sind kompliziert und teuer.

Den vielen neuen Annehmlichkeiten stehen natürlich auch eine Reihe neuer Probleme gegenüber. Das regelmäßige Aufpoppen neuer Nachrichten, überall und jederzeit erreichbar zu sein und der bis ins Krankhafte ausartende Zwang, alles und jeden ständig fotografieren und jede Nichtigkeit mit seiner "Bubble" teilen zu müssen, sind nur einige der unschönen Auswüchse unserer Zeit. Auch dass Kinder immer früher ein Smartphone bekommen, wird von vielen Ärzten, Psychologen und Soziologen kritisch gesehen, wobei wir ähnliche Diskussion in meiner Jugend auch schon mal mit dem eigenen Fernseher hatten.

Aber Smartphones sind schlimmer, da man sie immer und überall dabeihat. Paradoxerweise auch, wenn man sich mit anderen trifft und eigentlich direkt kommunizieren könnte. Ich saß vor einiger Zeit in einer Kneipe und beobachtete am Nachbartisch eine Handvoll Jugendliche. Alle hatten ein Getränk vor sich stehen und alle waren mit ihrem Smartphone beschäftigt. Es fiel gefühlt eine Stunde kein Wort am Nachbartisch. Ich fragte mich, warum sie denn überhaupt zusammensitzen oder ob sie sich untereinander Nachrichten, Bilder und Videos schickten oder ihre Social Media Profile pflegten?

In dem Fall war es nicht unhöflich, weil sich offenbar alle auf diese Art der Kommunikation verständigt hatten. Viel schlimmer ist es, wenn man sich mit jemand unterhält und der gleichzeitig an seinem Smartphone Nachrichten beantwortet oder ständig irgendwelche Anrufe annehmen muss. Das finde ich zutiefst unhöflich, ertappe mich aber selber manchmal auch dabei, denn es könnte ja eine wichtige Mail oder ein Auftrag dabei sein.

Im Jahr 1788 hat der deutsche Schriftsteller Adolph Freiherr Knigge mit seinem Buch "Über den Umgang mit Menschen" ein Standardwerk der guten Umgangsformen geschaffen, das seine Nachfahren und andere Autoren regelmäßig an die veränderten Lebensumstände angepasst haben.

Die Homepage des Deutschen Knigge-Rat hält in seinem Blog viele aktuelle Empfehlungen auch zu den Bereichen Kommunikation und Digitalisierung bereit, die durchaus lesenswert und geeignet sind, das eigene (Fehl)Verhalten zu reflektieren und schlechte Angewohnheiten abzustellen. Denn wenn wir etwas zu schätzen gelernt haben sollten in der Corona-Pandemie, dann ist das der persönliche Kontakt im Restaurant, im Büro oder auf Veranstaltungen.

Agnes Anna Jarosch, langjähriges Mitglied im Deutschen Knigge-Rat, hat eine relativ simple Handlungsempfehlung zu diesem Thema. Ich würde mir wünschen, dass sie von mehr Menschen eingehalten würde:

Im Umgang mit dem Handy gibt es eine simple Regel: Es ist immer unhöflich, Anwesende zugunsten nicht Anwesender zu vernachlässigen.
Agnes Anna Jarosch (*1975)

» "Über den Umgang mit Menschen", Adolph Freiherr Knigge (1752-1796)

Autor: Dr. Torsten Beyer


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