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Das Online-Labormagazin
22.09.2021

09.09.2021

Selbstdarstellung und -vermarktung

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Selbstvermartkung
Foto: pixabay[CCO]
Wahrscheinlich werde ich langsam alt ... Auch wenn ich (zumindest beruflich) ein Profil auf sozialen Netzwerken habe, Messenger-Dienste nutze und mich ganz gut mit technischen Neuerungen auskenne, so muss ich doch über manche Art der Selbstdarstellung in diesen Bereichen den Kopf schütteln.

Mit dem Einzug von Facebook auf deutsche PCs Ende der 2000er Jahre begann eine Veränderung der Privatsphäre, die mittlerweile teilweise clowneske Formen angenommen hat. Würden Sie sich auf den Marktplatz stellen und mit einem Megafon verkünden, dass Sie jetzt gleich Spaghetti Carbonara essen werden und, bevor sie die erste Gabel zum Mund führen, zunächst alle Anwesenden einen Blick auf ihren gefüllten Teller werfen lassen? Oder bekannt geben, dass Sie mit Ihrem Hund im Herbstwald Gassi gehen? Würden Sie ihr Kleinkind hochhalten und rufen: "Seht her: es kann Möhrchen essen und sich dabei total süß vollschmieren!"? - Wohl eher nicht. Aber auf Social-Media Plattformen sind das noch die harmlosesten Posts.

Facebook ist ja mittlerweile total oldschool. Wer etwas auf sich hält und / oder jünger als 30 Jahre ist, den wird man eher auf YouTube, Instagram, Snapchat oder TikTok finden. Noch wichtiger als die eigentlichen Posts sind allerdings die dazugehörigen Likes. Viele Jugendliche definieren ihren sozialen Status nicht mehr über reelle Freunde und ihre Clique, sondern über die Anzahl der Follower.

Je mehr Follower, desto mehr Reichweite - hervorragende Bedingungen, um Produkte zu bewerben und zu vermarkten. Das haben auch viele Unternehmen erkannt. Nicht nur Stars und Sternchen können zusätzlich Kasse machen, indem sie Produkte mehr oder weniger unauffällig in die Kamera halten, sondern auch findige, kreative "No-Names" können so zu gewisser Berühmtheit gelangen. Ob "Bibis Beauty Palace", die Zwillinge Lisa und Lena oder die Lochis, die schon im jungen Teenie-Alter anfingen, sich über Social-Media-Kanäle zu vermarkten; Menschen "wie du und ich" werden zu einflussreichen Social-Media-Stars - so genannten Influencern. Dabei gilt: je mehr Likes und Follower, umso mehr Sponsorengelder.

Natürlich hatte jede Generation immer Idole und Vorbilder, von denen sie möglichst alles - auch Privates - wissen wollte. Aber diese zeichneten sich in der Regel nicht dadurch aus, dass sie das neueste Outfit von H&M oder Gucci präsentierten, sondern als Musiker, Künstler, Naturwissenschaftler, Sportler oder Politiker die Gesellschaft zumindest in Teilbereichen vorangebracht oder bereichert haben.

Es gibt unbedeutende Leute genug, die sich überall zeigen, die man aber nirgends sieht.
Jean Petit-Senn (1792-1870)
schrieb der französisch-schweizerische Lyriker Jean Petit-Senn bereits 1865 in seinem Buch "Bluettes & Boutades". Demnach ist es also kein neuzeitliches Phänomen, dass sich Menschen durch Nichtigkeiten profilieren.

Problematisch wird die Sache dann, wenn aus diesen öffentlich gezeigten Scheinwelten überzogene Bedürfnisse und eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Person entstehen. Dies betrifft nicht nur Jugendliche, die sich nicht hübsch genug oder falsch proportioniert fühlen. Für die ältere Zielgruppe gibt es sogenannte "Instamoms" - sehr gut gelaunte Mütter (oder auch ganze Familien), die ihr perfektes Leben mit gestylter, stets aufgeräumter Wohnung und gehorsamen, fleckenfreien Kindern auf Sozialen Medien zur Schau stellen. Dass sie damit das Mutterbild und Selbstverständnis von Frauen beeinflussen, hat Magdalena Petersson McIntyre, Professorin an der Universität Göteborg, in einer 2019 erschienenen Studie belegt. Wie die dazugehörenden Kinder die Zurschaustellung finden, erfahren wir erst in den nächsten Jahrzehnten.

Der Berufswunsch "Influencer" steht derzeit tatsächlich ganz oben auf der Liste der Jugendlichen. Wird doch suggeriert, dass man ohne viel zu arbeiten ein Leben in Saus und Braus, an Traumorten wie Dubai oder in der Karibik führen kann und dabei ganz von selbst reich und schön wird. Dabei wird übersehen, dass es durchaus mit Arbeit verbunden ist, sich immer im rechten Licht zu präsentieren und es in Stress ausarten kann, Tag und Nacht Neuigkeiten zu posten ohne Rücksicht darauf, wie es einem tatsächlich geht. Aber mal abgesehen davon - und hier komme ich noch mal auf mein Alter zurück - seit wann interessiert es jemanden, ob fremde Menschen zum Frühstück Cornflakes oder Obstsalat essen? Wann sie aufstehen oder wie und mit welcher Zahncreme (die zufällig im Bild erscheint) sie sich die Zähne putzen?

Vorbilder sind wichtig und Schwärmereien sollten respektiert werden. Alles hat seine Zeit: Bravo und Pop Rocky, MTV und VIVA und heute halt Social-Media. Geben wir unseren Kindern und Jugendlichen, gegebenenfalls auch unseren erwachsenen Freunden, ein entsprechendes Feedback und rücken bei Bedarf ein verzerrtes Weltbild wieder gerade. Auch aus uns ist etwas geworden, obwohl unsere Träumereien bezüglich einer Karriere als Super- oder TV-Star unsere Eltern sicherlich auch das eine oder andere Mal zur Verzweiflung gebracht haben.

Und um einer Protestwelle vorzubeugen: Ja, es gibt auch Blogger und Influencer, die sich nicht durch übermäßige Werbung disqualifizieren, sondern die zu durchaus relevanten Themen etwas zu sagen haben und ihren Einfluss dazu nutzen, aufzuklären und gute Denkanstöße zu geben. Macht weiter so, denn weder das Internet noch ihr seid ein zeitlich begrenztes Phänomen, das bald wieder verschwinden wird.

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Autor: Anke Fähnrich


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