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Das Online-Labormagazin
23.09.2021

02.09.2021

Redet endlich über Digitalisierung!

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Digitalisierung
Pixabay [CCO]
Am 29. August 2021 wurde das erste "Triell" um die Nachfolge von Angela Merkel live im Fernsehen übertragen. Es ging auch ein bisschen zur Sache im Laufe der 105 Minuten, aber noch spannender waren natürlich die Inhalte.

Diskutiert wurde - wenig überraschend - über Corona, Klima, Kinderarmut, Bundeswehreinsätze und die immer beliebte Frage, wer nach der Wahl mit wem oder vielleicht auch nicht koalieren will oder soll. Alles Business as usual und wichtig für alle Wähler zur Meinungsbildung.

Im Nachgang habe ich bei den Kollegen von t3n einen Kommentar mit dem Titel "Kanzlerkandidat:innen-Triell: Und wo war die Digitalisierung?" gelesen, der mich nachdenklich gestimmt hat, weil mir das im ersten Moment auch nicht aufgefallen war.

Klar sind Corona und Klimawandel die Themen, die schon viele Monate alle anderen überlagern, aber die Digitalisierung während der ganzen Übertragung gar nicht thematisieren, geschweige denn über die gravierenden Defizite zu diskutieren, ist dann schon erschreckend. Oder haben wir schon aufgegeben und finden uns mit dem Status eines Entwicklungslandes bei diesem zentralen Zukunftsthema ab?

Man kann natürlich der Meinung sein, wenn niemand danach fragt, warum sollte sich jemand auf dieses dünne Eis begeben, auf dem er nur einbrechen kann? Aber sich bei diesem Thema wegzuducken löst keines unserer zentralen Probleme. Dabei könnte uns eine bessere Digitalisierung bei der Bekämpfung dieser und zukünftiger Pandemien und des Klimawandels helfen.

"Wir brauchen mehr Digitalisierung" zu rufen ist populär. Aber dass damit alles automatisch besser wird, ist leider ein Trugschluss. Thorsten Dirks, aktuell Vorstandmitglied der Deutschen Lufthansa AG, hat es einmal sehr drastisch auf den Punkt gebracht, als er sagte: "Wenn Sie einen scheiß Prozess digitalisieren, haben Sie einen scheiß digitalen Prozess!" Oder anders ausgedrückt: Erst müssen alle Abläufe analysiert und um alles Unnötige und Widersprüchliche bereinigt werden, bevor wir daran denken können, beispielsweise Verwaltungsprozesse sinnvoll zu digitalisieren. Die mittelalterlich anmutende Art und Weise mit der die Kontaktnachverfolgung von Infektionsketten bei Corona versucht wurde und immer noch wird, spricht eigentlich für sich. Manche sprechen in diesem Zusammenhang gerne von der "Faxrepublik Deutschland", das hat aber leider wenig mit Digitalisierung zu tun.

Für den freien Techniksoziologe und Autor Felix Sühlmann-Faul ist "Digitalisierung die gesamtgesellschaftliche, globale, soziotechnische Transformation durch eine exponentiell wachsende Leistungsfähigkeit von Mikroelektronik." Er weist dabei explizit darauf hin, dass man bei der Digitalisierung immer auch die Nachhaltigkeit im Blick haben muss, denn mehr Digitalisierung kann auch zu mehr Strom- und Ressourcenverbrauch und damit zu einer Verschärfung der Klimakrise beitragen, wenn man es nicht richtig angeht.

Aber den Kopf bei diesem zentralen Zukunftsthema weiterhin in den Sand zu stecken wie die letzten Jahrzehnte oder gar nicht erst darüber zu reden wie beim ersten "Triell", ist und bleibt fatal. Sonst müssen wir befürchten, dass andere Länder uns weiter abhängen und es irgendwann vielleicht so ausgehen wird, wie es der Unternehmer und ehemaliger Boxweltmeister Wladimir Klischtko bildlich formuliert hat. Für die Firma SAP war es eines der Zitate des Jahres 2017:

Wer sich nicht digitalisiert, wird ausgeknockt.
Wladimir Klitschko (*1976)

» Kanzlerkandidat:innen-Triell: Und wo war die Digitalisierung?

» "Wer sich nicht digitalisiert, wird ausgeknockt"

» Felix Sühlmann-Faul: "Technologie und Gesellschaft begegnen sich auf Augenhöhe"

Autor: Dr. Torsten Beyer


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