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21.10.2021

15.07.2021

Polonium - strahlendes "Gift"

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Schalenmodell von Polonium
Schalenmodell von Polonium [CCO]
Im Juli vor 123 Jahren traten die Wissenschaftler Marie und Pierre Curie mit einer bahnbrechenden Neuigkeit an die Öffentlichkeit: Bei ihren Untersuchungen von dem als Pechblende bekanntem Mineral Uraninit und dem darin enthaltenen Uran, stellten sie eine deutlich höhere radioaktive Strahlung als die vom Element Uran bekannte fest.

Daraus schlossen sie, dass mindestens ein weiteres - bislang unentdecktes - chemisches Element in der Pechblende enthalten sein müsse. Am 13. Juli 1898 postulierte das Forscherehepaar schließlich das chemische Element, das sie zu Marie Curies Ehren nach deren Heimat Polen "Polonium" nannten. 5 Tage später wurde die Entdeckung von ihrem Kollegen Henri Becquerel der Académie des sciences präsentiert.

Polonium finden wir heute hauptsächlich unter der Ordnungszahl 84 im Periodensystem der Elemente. In der Natur dagegen eher selten, da es hier nur in Spuren vorkommt.

In 1.000 Tonnen Pechblende sind laut dem Anorganik-Lehrbuch "Holleman-Wiberg" nur 0,03 Gramm Polonium enthalten. Daher wird das technisch wichtigste Isotop 210Po heutzutage der Einfachheit halber industriell durch den Neutronenbeschuss von Bismut hergestellt und findet beispielsweise in technischen Anlagen Anwendung, um dort statische Aufladung zu verhindern.

Dass Polonium nicht so ohne weiteres für die Allgemeinheit zugänglich ist, ist ausgesprochen günstig. Handelt es sich bei dem radioaktiven Metall doch um eine nahezu perfekte Mordwaffe: Laut Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz reichen bereits 0,01µg Polonium aus, um einen Menschen zu töten. Dabei ist es für potenzielle Attentäter ausgesprochen einfach, das Gift zu handhaben. Bei Polonium handelt es sich nämlich um einen sogenannten Alpha-Strahler, was bedeutet, dass beim radioaktiven Zerfall Helium-Kerne emittiert werden. Im Gegensatz zu der von Atombomben und Kernkraftwerken bekannten Gamma-Strahlung, eine elektromagnetische Strahlung, die die meisten Materialien durchdringen kann, wird die Alpha-Strahlung bereits von dünnem Papier abgeschirmt und kann weder ein Transportgefäß noch unsere Haut durchdringen. Dadurch kann Polonium unauffällig und gefahrlos transportiert werden.

Gefährlich wird ein Alpha-Strahler erst, wenn er durch Verschlucken oder Einatmen in den Körper gelangt. Er kann sich dort schnell und gleichmäßig verteilen und richtet verheerende Schäden an, da die Zellwände zu dünn sind, um der Strahlung zu trotzen. Beginnend mit den Symptomen einer Nahrungsmittelvergiftung wie Schwindel, Übelkeit und Müdigkeit kommen später Durchfall, starke Anämie, Haarausfall sowie Blutungen aus Nase und Mund dazu. Zusätzlich ist die radioaktive Substanz nicht mit einem Geigerzähler oder ähnlichen Messgeräten, sondern nur aufwändig durch spektroskopische Analysen von Körperausscheidungen nachzuweisen und führt - je nach Dosierung - binnen kurzer Zeit zum Tod.

Zweifelhafte Berühmtheit erlangte Polonium im Jahr 2006 im Fall des bis des heute nicht abschließend geklärten Mordanschlags auf den zum britischen Geheimdienst übergelaufenen, russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko. Dieser starb nachweislich an einer Polonium-Vergiftung. Da man - wie beschrieben - nicht ohne Probleme Zugriff darauf hat und die Medien damals von einem Marktwert der eingesetzten Polonium-Menge von mehreren Millionen Euro berichteten, wird ein Anschlag des russischen Geheimdienstes auf den Kreml-Kritiker vermutet.

Auch Marie Curie litt aufgrund ihren Forschungen zu radioaktiven Elementen wie Uran, Polonium und dem ebenfalls von ihr entdeckten Radium, an durch Strahlung verursachte Krankheiten, woran sie letztendlich auch verstarb.

Vermutlich hätte die Vollblut-Wissenschaftlerin aber auch mit dem medizinischen Wissen über radioaktive Strahlung, über das wir heutzutage verfügen, nicht anders gehandelt und nicht weniger intensiv geforscht. Denn ihr Lebensmotto, das ihr trotz aller Widerstände der damaligen Zeit den großen wissenschaftlichen Erfolg, einschließlich zweier Nobelpreise einbrachte lautete:

Mein oberstes Prinzip: sich nicht unterkriegen lassen; nicht von den Menschen und nicht von den Ereignissen.
Marie Curie (1867-1934)

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Autor: Anke Fähnrich


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