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Das Online-Labormagazin
26.11.2020

12.11.2020

Was ist echte Wissenschaft?


Corona
Quelle: Pixabay [CCO]
Naturwissenschaftler stehen normalerweise nur bei der Verleihung der Nobelpreise Anfang Oktober im Rampenlicht und dann auch nur für ein paar Tage falls die Bevölkerung ungefähr versteht, worum es geht.

Im Jahr 2020 erleben wir durch die Corona-Pandemie, dass Virologen, Infektologen und Epidemologen ständig im Rampenlicht stehen und teilweise zu wahren Medienstars wurden. Keine abendliche Talkshow kommt ohne Virologen oder den allgegenwärtigen Epidemologen und SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach aus.

An erster Stelle steht Christian Drosten, der sich schon bei der ersten SARS Welle 2003 einen Namen gemacht hat und einer der weltweit anerkanntesten Fachleute auf diesem Gebiet ist. Er tritt weniger in Talk Shows auf, aber sein Twitter-Kanal hat über eine halbe Million Follower und schlägt damit locker einen Comedian wie Mario Barth, der nur auf 170.000 Follower kommt. Das wäre bis vor kurzem undenkbar gewesen.

Wöchentlicher Corona-Podcast klärt auf

Darüber hinaus erklärt er schon seit dem Frühjahr in einem wöchentlichen 1Corona-Podcast beim Norddeutschen Rundfunk (inzwischen abwechselnd mit Sandra Ciesek) auch für den Laien verständlich die aktuelle Situation und ordnet neue Studienergebnisse und Handlungsempfehlungen ein. Der Podcast dauert in der Regel 60 bis 90 Minuten und hat jede Woche über eine Million Zuhörer.

Völlig zu Recht erhielten Christian Drosten und der NDR dafür den Grimme Online Award für Kommunikation, als Vorbild für verständliche und seriöse Wissenschaftskommunikation. Sandra Ciesek bringt seit einigen Wochen viel praktische Expertise als Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie in Frankfurt am Main ein und ist eine ideale Ergänzung zu dem Grundlagenforscher Christian Drosten.

Fluch und Segen öffentlicher Personen

Wer viel mediale Präsenz hat, lernt sehr schnell auch deren Schattenseiten kennen. Viele Virologen und auch Karl Lauterbach sehen sich seit Monaten übelsten Beschimpfungen und Drohungen in den Sozialen Medien ausgesetzt, weil sie zu Unrecht für politische Entscheidungen verantwortlich gemacht werden. Sie müssen täglich damit leben, dass Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, bewusst fehlinterpretiert oder zur Legitimation von Falschbehauptungen instrumentalisiert werden.

In seiner Festrede anlässlich des Geburtstags von Friedrich Schiller hat Christian Drosten seinen Auftrag als Wissenschaftler in wenigen Sätzen klar und eindeutig formuliert: "Meine Aufgabe ist es, die Methoden meines Fachgebietes zu erklären, die Grenzen wissenschaftlicher Studien aufzuzeigen und einzuordnen, was Fakt und was Fiktion ist". Außerdem müssten Forscher "ein realistisches Bild zeichnen und nicht das gewünschte". Und sie seien "verpflichtet, korrigierend einzugreifen und ausgemachten Unsinn auch beim Namen zu nennen".

Bitte weiter aufklären und informieren

Christan Drosten hat in diesem Sinne schon öfter klare Kante ohne Rücksicht auf das mediale Echo gezeigt, wenn er beispielsweise darauf hinwies, dass Ärzte und Professoren irgendeinen Quatsch über die aktuelle Entwicklung der Pandemie in die Welt setzen, ohne je zu den Themen gearbeitet zu haben. Da ist sicher viel Wahres dran, auch wenn der wissenschaftliche Diskurs natürlich unverzichtbar für den Gewinn neuer Erkenntnisse ist. Aber dann bitte von Fachleuten aus der Praxis wie Sandra Ciesek, die täglich im Labor an der Thematik arbeiten, oder von Wissenschaftlern wie Karl Lauterbach, die so gut mit der aktuellen Fachliteratur vertraut sind, dass sie sich wirklich qualifiziert dazu äußern können.

In diesem Sinne hoffe ich, dass Christian Drosten sich auch weiterhin ausführlich in seinen Medienkanälen und in Interviews äußert und klarer Position bezieht, als es je ein Politiker aus Rücksicht auf seine Partei oder Wiederwahl tun könnte. Dass er weiterhin regelmäßig alle neuen Erkenntnisse einordnet und dabei die vielen unqualifizierten Anfeindungen von allen möglichen Seiten auch weiterhin aushält. Er versetzt so jeden interessierten Bürger in die Lage, sein eigenes Verhalten und seine alltäglichen Entscheidungen im Umgang mit dem Virus regelmäßig aufs Neue zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Der Linken-Politiker André Brie hat die Aufgabe der Wissenschaft in einem sehr schönen, kurzen Zitat auch nochmal auf den Punkt gebracht. Dem würde sicher auch Christian Drosten so wie ich uneingeschränkt zustimmen:

Die Wissenschaft, die kein Wissen schafft, ist keine Wissenschaft.
André Brie (*1950)

» Schiller-Rede 2020 von Christan Drosten

» Grimme Online Award für den Corona-Podcast

» Zeit-Interview mit Sandra Ciesek (11.11.2020)

Autor: Dr. Torsten Beyer


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