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Das Online-Labormagazin
25.09.2020

20.08.2020

Denken schadet nie!


Franz von Paula Gruithuisen (1774-1852)
Franz von Paula Gruithuisen [CCO]
Moderne High-Tech-Analysengeräte suggerieren dem Anwender, dass man einfach einen Analyten einfüllt und am anderen Ende ein korrektes Messergebnis auf dem Bildschirm der Gerätesoftware erscheint, am besten noch mit fünf Nachkommastellen.

Die Vermarktung von Geräten funktioniert auch genau mit solchen Argumenten: Als Laborant oder TA muss man eigentlich gar nicht mehr so genau wissen, wie die Messung funktioniert, weil das Geräte und die Software alles im Hintergrund erledigt. Das kann natürlich so sein, aber in der praktischen Umsetzung und zur Vermeidung von Fehlern ist es nie schädlich, die dahinterliegenden Chemie, Physik und Mathematik zu kennen.

Wer im technischen Support bei einem Gerätehersteller arbeitet, kann manchmal gar nicht glauben, welche Fragen die Anwender stellen und welche vermeintlichen Probleme bei der Bedienung auftreten. Nicht selten ergibt das Gespräch bzw. der Besuch des Supportmitarbeiters vor Ort, dass manche Labormitarbeiter überhaupt nicht verstehen, was sie da überhaupt tun bzw. was sie mit dem betreffenden Gerät überhaupt messen können und was vielleicht auch nicht. Fehler bei der Probename, Probenvorbereitung und Bedienung kann keine noch so intelligente Gerätesoftware korrigieren. Aber trotzdem werden alle Probleme natürlich grundsätzlich zuerst auf das Gerät geschoben.

Das erinnert mich immer an einen Versuch in meiner Studienzeit, bei dem im vierten Stock des Chemiegebäudes mit einem Rasterkraftmikroskop eine Graphitoberfläche in atomarer Auflösung abgebildet werden sollte. Da die Gebäudeschwingungen sicher offensichtlich größer als das Messsignal waren, half auch die beste Fourier-Transformation der total verrauschten Daten nicht. Die vermeintlich hexagonale Graphitstruktur, die man gelegentlich sah, war eher die Abbildung von Gebäudeschwingungen oder Vibrationen der Klimaanlage ...

Der promovierte Naturwissenschaftler Franz von Paula Gruithuisen stammte aus einfachem Hause und erarbeitete sich durch viel Fleiß eine breite Wissensbasis in verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen, was ihm schließlich eine Professur für Astronomie an der Universität München einbrachte. Vorher arbeitete er als Lehrer an der Schule für Landärzte in München und unterrichtete dort unter anderem Physik und Chemie. Er verfasste im Laufe seines Lebens zahlreiche Schriften und Bücher zu unterschiedlichsten Themen und versuchte zeitlebens, sein Wissen zu teilen und anderen zu vermitteln.

Ihm wurde eine ausgeprägte Kombinationsgabe nachgesagt, die ihn zu manch kühnen Hypothesen animierte, die sich teils viel später als richtig herausstellten, manchmal aber auch komplett daneben lagen. Von ihm stammt beispielsweise die Theorie, dass die vielen Mondkrater durch Meteoriteneinschläge entstanden sind. Und seine Idee, Harnsteine mechanisch zu zerkleinern und so unschädlich zu machen wurde später medizinische Praxis.

Andererseits veröffentlichte er im Jahr 1824 ein Buch mit dem Titel "Entdeckung vieler deutlicher Spuren der Mondbewohner" für das er damals schon viel Spott und Hohn erntete und für die er heftig kritisiert wurde. Heute würden wir das einen "Shitstorm" nennen, der durch die Verbreitung "alternative Fakten" ausgelöst wurde. Nicht jede Hypothese besteht den Praxistest und man kann auch mal komplett daneben liegen! Aber ohne Vor- und Querdenker gibt es weniger Fortschritt.

Von ihm stammt das folgende Zitat, das man im 21. Jahrhundert vielleicht so formulieren würde: "A fool with a tool is still a fool!", eine im EDV- und Software-Bereich sehr verbreitete Formulierung. Aber auch damals galt schon, was auch heute noch trotz reichlich vorhandener Hilfmittel gilt, dass man genau wissen sollte, was man tut und dass Nachdenken nie von Nachteil ist:

Das Instrument allein gibt keine Resultate. Hinter dem Instrument muss ein gutes Auge sein und hinter dem Auge ein gutes Gehirn.
Franz von Paula Gruithuisen (1774-1852)

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Autor: Dr. Torsten Beyer


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