23.07.2020

Aerosole - die unterschätzte Gesundheitsgefahr


Aerosolwolke mit Corona-Viren
Aerosolwolke mit Viren (Pixabay [CCO])
Wenn in der Vergangenheit über das Thema Luftverschmutzung diskutiert wurde, so ging es zumeist um schädliche Folgen menschlicher Aktivitäten: Saurer Regen, Feinstaub, Stickoxide, FCKWs, Kohlendioxid, Methan oder Lachgas sind nur einige Schlagworte. In den letzten Jahrzehnten wurde hier einiges angepackt und vieles verbessert. Die aktuelle CO2-Debatte zeigt aber, dass hier noch deutlich mehr Anstrengungen notwendig sein werden.

Es verwundert etwas, dass bisher kaum über Aerosole in der Luft diskutiert wurde, weiß man doch schon lange, dass sie ein wichtiger Übertragungsweg für Infektionskrankheiten wie Erkältungen oder die Grippe sind.

Bei Corona kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es der zentrale Verbreitungsweg sein könnte. Viele gut dokumentierte Ausbrüche in den letzten Monaten lassen sich so erklären: die Fälle in Schlachthöfen, in Kirchen oder bei Feierlichkeiten in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen. Beim Reden, Singen, Musizieren, Niesen, Husten und sogar beim Ausatmen geben wir feine Aerosole ab, die je nach den Umgebungsbedingungen über Stunden in der Luft verbleiben und so von anderen Menschen eingeatmet werden können.

Lüften, Zugluft und Masken sind wirkungsvolle Schutzmechanismen ebenso wie Abstand halten und die Vermeidung großer Menschenansammlungen insbesondere in geschlossenen Räumen. Jetzt im Sommer ist das in unseren Breiten noch gut umsetzbar, wenn auch der Verzicht auf Großveranstaltungen, Messen und Tagungen die Veranstalter und alle Dienstleister in diesem Umfeld hart trifft und in teilweise Existenznöte stürzt. Ab Ende August sollen ja die ersten Messen wie die LAB-SUPPLY und im Oktober die analytica stattfinden, wenn auch mit hohen Auflagen für Hygienekonzepte und die Nachverfolgbarkeit von Kontakten.

Aber was können wir tun, wenn wir nicht mehr dauerhaft lüften oder uns während Restaurant-Besuchen bevorzugt im Freien aufhalten können? Beim Essen und Trinken kann man keine Masken tragen und Trennwände und Abstand bieten keinen vollständigen Schutz. Und im Büro oder in Schulen will sicher niemand eine Maskenpflicht einführen wollen im Winter.

Eine Lösung können wirksame HEPA-Filter (High Efficiency Particulate Air) sein, wie sie heute schon in der industriellen Produktion oder in Krankenhäusern eingesetzt werden. Überall dort, wo es Lüftungssysteme und Klimaanlagen gibt, können diese einen effektiven Schutz bieten und bis zu 99,95 Prozent der Aerosole zurückhalten, wie auch das Umweltbundesamt auf seiner Homepage bestätigt. Es gibt auch kleine, mobile Lüfter mit HEPA-Filtern, die wahrscheinlich bald in immer mehr gewerblichen Räumen stehen werden, um die Aerosol-Last in Innenräumen und damit das Infektionsrisiko zu reduzieren.

Auf einen weiteren Aspekt weisen aktuell namhafte Wissenschaftler in der etwas sperrig klingenden Petition "40to60RH" hin, in der sie eine Verpflichtung fordern, in allen öffentlichen und gewerblichen Räumen eine relative Luftfeuchtigkeit zwischen 40 und 60 Prozent einzuhalten, da dies Krankheitserreger in der Raumluft wirkungsvoll reduziert und generell förderlich für die Gesundheit ist. Die Ausbrüche in gekühlten, klimatisierten Schlachtbetrieben oder vielleicht auch die sehr hohen Infektionszahlen in den USA mit ihren extrem klimatisierten öffentlichen Räumen könnten so vielleicht in Kombination mit HEPA-Filtern reduziert werden.

Der Arzt und Schriftsteller Carl Ludwig Schleich hatte sicher anderes im Sinn, als er den folgenden Satz vor über 100 Jahren gesagt hat. Aber wir finden ständig neue Belastungen und Verunreinigungen in der uns umgebenden Atemluft - aktuell sind es Aerosole und ihre schädliche Virenfracht:

Jedes Jahrhundert weiter wird neue Zauber der reinen Luft entdecken und wird sie wachsend verehren.
Carl Ludwig Schleich (1859-1922)

» mehr über Carl Ludwig Schleich

» Petition "40to60RH" für eine höhere relative Luftfeuchte

Autor: Dr. Torsten Beyer


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