02.04.2020

Geht`s noch?


Mehl in der Krise
Foto: privat
Eigentlich war es mein Plan, mal wieder einen Blogbeitrag zu schreiben, ohne das Thema Coronakrise zu bemühen. Der Einkauf bei einer großen Supermarktkette hat ihn aus folgendem Grund zunichtegemacht:

Dort stand Mehl im Regal. Normalerweise kein besonderes Ereignis, aber in Zeiten der Hamsterkäufe doch bemerkenswert. Es handelte sich aber nicht um die bekannten 1 kg Päckchen, quadratisch, praktisch, gut in Papiertüten abgefüllt.

Hier hatten ein oder mehrere Mitarbeiter des Marktes das Mehl offensichtlich in Plastikdosen, wie man sie von der Salatbar kennt, in Portionen zu 500g umgefüllt.

Mein erster Gedanke war "Plastik-Verpackung für Mehl? In diesem Supermarkt, der seit geraumer Zeit damit wirbt, nicht nur ein besonders regionales, sondern auch ein Plastik armes Sortiment zu führen?" Ein Blick auf das Preisetikett machte mich vollends fassungslos: der ausgezeichnete Kilopreis betrug 1,99 Euro! - Zur Erinnerung, unter normalen Umständen bezahlt man für ein Kilo Mehl gerade mal 39 Cent! Selbst Markenprodukte mit Edelsteinen oder Himmelskörpern im Logo kosten in der Regel nicht mehr als 1 Euro.

Solche Aktionen helfen mit Sicherheit genauso wenig wie überteuerte Schutzmasken und Desinfektionsmittel, die Lage zu verbessern. Im Gegenteil, sie generieren das Gefühl, dass ein Mangel vorhanden sei und verschärfen damit die Gesamtsituation.

Ist das der Anfang vom Ende der viel zitierten Solidarität? Namhafte Handelsketten kündigen schon mal vorsorglich an, ihre Mietzahlungen einstellen zu wollen. Ein großer Sportbekleidungshersteller, der Anfang des Jahres noch vollmundig seine Gewinne verkündete, die in 2019 nur knapp unter 2 Milliarden Euro lagen, will Staatshilfe aus dem "Coronafond" beantragen.

Es mag ja menschlich sein, dass jeder zunächst einmal versucht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, aber ist es wirklich so, dass wir nicht in der Lage sind, flächendeckend an das große Ganze zu denken? Ungerechtfertigt eingestellte Mietzahlungen bringen in der Folge sicher den einen oder anderen Vermieter seinerseits in finanzielle Bedrängnis. Die Gelder, die jetzt von den Regierenden mobilisiert werden, fallen doch nicht aus dem Goldesel und sollten wirklich nur dann beantragt werden, wenn die Existenz eines Unternehmens, insbesondere Klein- und Mittelständler oder Solo-Selbstständige, gefährdet ist.

Auch wenn in der Eile, in der die Gesetze verabschiedet wurden, Schlupflöcher entstanden sind, ist es unterirdisch, sie auszunutzen und sich in dieser Situation zu bereichern. Je mehr Geld jetzt ohne dringliche Notwendigkeit abgerufen wird, desto weniger Geld steht später zur Beseitigung des Scherbenhaufens zur Verfügung, der uns nach dem Shutdown nicht erspart bleiben wird.

Was nützt es denn, wenn Verkäufern, LKW-Fahrern und Krankenschwestern täglich hochoffiziell für ihren Einsatz für die Gemeinschaft gedankt wird, wenn die "Großkopferten" sich derweil die Taschen füllen, um sauber aus der Krise zu kommen?

Geld ist der Punkt, den Archimedes suchte, um die Welt aus den Angeln zu heben.
Blanche Bloor Schleppey (1861-1927)
wird die US-amerikanische Schriftstellerin Blanche Bloor Schleppey zitiert. Ich hoffe, dass der Hebel auch dieses Mal nicht lang genug ist, um die Welt aus den Angeln zu heben. Dass sich Großkonzerne ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und nicht der Gewinnoptimierung bewusst sind und sich nicht nur dem Druck eines öffentlichen "Shitstorms" beugen.

Dass sich bei der Bevölkerung das Wissen um die mehr als 140.000 Tonnen Getreide im Lager für die zivile Notversorgung der Bundesrepublik beruhigend auf das Kaufverhalten auswirkt und sie sich weigern, überteuertes Mehl im Plastikgebinde zu kaufen. Dass jeder Einzelne nicht nur an sich, sondern an die Gesellschaft als Ganzes denkt und so dafür sorgt, dass der Begriff "Menschlichkeit" nicht zum Schimpfwort wird.

» Bundesreserve Getreide

» Projekt "Solidarität in Krisenzeiten SOCRIS" (Uni Wien 2016-2019)

» (Wort)Bedeutung Menschlichkeit

Autor: Anke Fähnrich


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anonym24.04.2020 um 07:17:32

sehr guter Beitrag !




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