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26.06.2022

06.08.2020

COVID-19: Einhaltung der "AHA-Regel" ist wichtiger als anlasslose Massentests

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Bereits die Ankündigung der am vergangenen Samstag in Kraft getretenen Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums, wonach sich sämtliche Reiserückkehrer ab dem 01.08.2020 kostenfrei auf eine SARS-CoV-2-Infektion testen lassen können, sorgt schon seit etwa zwei Wochen für eine steigende Zahl an SARS-CoV-2-PCR-Tests. Das geht aus der wöchentlichen Datenanalyse der Akkreditierten Labore in der Medizin - ALM e.V. hervor, an der abermals bundesweit 144 Labore teilgenommen haben, davon etwa ein Drittel an unterstützenden Laboren außerhalb des Verbands. Die Anzahl der Tests liegt in der KW 31 mit 528.441 auf einem neuen Höchststand (KW 30: 493.221). Entsprechend dem Infektionsgeschehen stieg auch die Zahl der positiv Getesteten deutlich, auf 5.180 (+30 Prozent).

Auch wenn die Testkapazität mit zusätzlichen 2 Prozent und nun wöchentlich 985.000 SARS-CoV-2-PCR-Tests weiterhin stabil gehalten werden kann, bleibt Dr. Michael Müller skeptisch, wenn diese nun anscheinend weitgehend ausgereizt werden soll: "Die lange aufgebauten SARS-CoV-2-PCR-Testkapazitäten sind eher dazu gedacht, kurzfristige Anforderungsspitzen, zum Beispiel bei regionalen Ausbrüchen wie in Gütersloh, abzufedern und nicht, um sämtliche Wünsche und Vorstellungen nach freier Testung zu bedienen.

Testen erscheint aktuell wie Aktionismus. Besser sollte die bisher erfolgreiche Strategie 'Testen, testen, testen, ... aber gezielt' konsequent weiterverfolgt werden. Dazu gehören das breite und niedrigschwellige anlassbezogene Testangebot, die frühzeitige Aufklärung von Infektionsketten von ihrem Ursprung an zur Entdeckung der Superspreader in Clustern und der Schutz vulnerabler Gruppen."

Schließlich seien die Kapazitäten an Reagenzien und Verbrauchmaterialien aufgrund des globalen Marktgeschehens und auch die Möglichkeiten des Fachkräfteeinsatzes in den PCR-Laboren begrenzt. "Statt Tests für alle ohne Anlass zur fordern, sollten wir uns als Bürger weiterhin daran erinnern, wie wichtig es für die erfolgreiche Pandemieeindämmung im März, April und Mai war und auch weiterhin ist, die AHA-Regel konsequent einzuhalten, also Abstand zu halten, die Hygieneregeln zu beachten und Alltagsmasken zu tragen", mahnt der 1. Vorsitzende des ALM e.V. "Die Prävention steht klar vor der Diagnostik, denn der PCR-Test ist eine Unterstützung der Präventionsmaßnahme und das entscheidende Diagnostikinstrument, nicht jedoch eine Präventionsmaßnahme an sich", so der Facharzt für Laboratoriumsmedizin, der auf die zurecht eindringliche Mahnung des RKI in dieser Richtung aus der vergangenen Woche verweist.

Nach einer ersten groben Einschätzung könnte der Mehrbedarf an Tests allein für die Testung der Reiserückkehrer, die per Flugzeug aus Risikogebieten einreisen, bei etwa 250.000 Tests pro Woche liegen. "Das ist insbesondere deswegen absolut kritisch, weil die Sinnhaftigkeit solcher Tests infrage steht, denn allein durch die Testung kann zu einem so frühen Zeitpunkt eine Ansteckung nicht ausgeschlossen werden", betont Wolf Kupatt, Vorstand im ALM e.V. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass damit Testressourcen fehlen werden, um z. B. auf steigende Infektionszahlen zu reagieren oder sinnvolle Tests zum Schutz vulnerabler Gruppen und zur Aufdeckung von COVID-19-Erkrankungen, auch während der kommenden Erkältungssaison, durchführen zu können. Obwohl die Reiserückkehrer für das Infektionsgeschehen wohl nur eine untergeordnete Rolle spielen werden, würde der Anteil der Tests für diese deutlich über 50 Prozent der insgesamt durchgeführten Tests liegen.

"Die Priorität beim Einsatz der Tests sollte weiterhin auf denjenigen Personen liegen, bei denen es einen diagnostischen Anlass gibt - und das sind Menschen mit Symptomen, mit Risikokontakten und vulnerable Gruppen wie Mitarbeiter in der Pflege und im Gesundheitswesen. Eine Testverpflichtung für Reiserückkehrer steht unweigerlich in Konkurrenz zu anderweitig notwendigen Testkapazitäten zum Beispiel für Alten- und Pflegeheime oder ein Ausbruchsmanagement. Das ist so sicher nicht intendiert und daher zu hinterfragen", mahnt Müller. "Das deutlich erhöhte Ausschöpfen der im internationalen Vergleich hohen PCR-Testkapazitäten für anlasslose Diagnostik verbraucht unnötig Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen."

Sicherlich sei es wichtig, dass besorgte Bürger - auch nach einer Reise - leicht Zugang zu SARS-CoV-2-Tests hätten, betont der ALM e.V. Besser wäre es jedoch, zum Beispiel mithilfe eines Fragebogens, die tatsächliche Notwendigkeit einer Diagnostik zu klären. "Am allerwichtigsten, das kann man gar nicht oft genug sagen, ist eine konsequente und wirkungsvolle Prävention, die darin besteht, dass sich die Menschen an die AHA-Regel mit 'Abstand', 'Hygiene' und 'Alltagsmaske' halten", so ALM-Vorstand Müller.

"Ein negativer Test, und das ist ebenfalls immer wieder zu betonen, ist nur eine Momentaufnahme und führt, wie Beispiele zeigen, zu einer Scheinsicherheit. Die SARS-CoV-2-Tests sind auch keine Produkte für den Online-Versandhandel, wie es einige industrielle Anbieter versuchen. Mit der Sorge der Menschen ein Geschäft zu machen, ist bedenklich und entspricht auch keinem ärztlich-medizinischen Ethos."

Die fachärztlichen Labore in Deutschland nehmen die Herausforderungen der COVID-19-Pandemie sehr ernst und sind intensiv dabei, Vorkehrungen und Vorbereitungen zu treffen, um dem steigenden Bedarf an PCR-Tests zur Diagnostik von Atemwegserkrankungen im nahenden Herbst und Winter gerecht werden zu können.

» Infoseite "Corona Diagnostik Insights"

Quelle: Akkreditierte Labore in der Medizin e.V.