20.05.2020

Fluoridexposition in Europa: Kein Anlass zur Besorgnis



Über Trinkwasser, Lebensmittel und Zahnpflegemittel nehmen wir Fluorid auf. Während es unstrittig ist, dass das Spurenelement in adäquaten Mengen das Kariesrisiko reduziert, wird über die gesundheitlichen Risiken einer erhöhten Fluoridaufnahme aktuell diskutiert.

Forschende des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung (IfADo) haben nun mit der Senatskommission zur gesundheitlichen Bewertung von Lebensmitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (SKLM) Studien zur Neurotoxizität von Fluorid analysiert. Ihr Fazit: Auf Basis der untersuchten Studien besteht bei der aktuellen Fluoridexposition in Europa kein Anlass zur Besorgnis.

Forschende des IfADo haben nun mit Experten der SKLM aus den Bereichen Toxikologie, Lebensmittelchemie und -technologie sowie Behörden die zur Verfügung stehenden Daten zur entwicklungsneurotoxischen Wirkung von Fluorid ausgewertet.

Im Fokus stand die Frage, ob eine dauerhaft erhöhte Fluoridaufnahme der geistigen Entwicklung von Kindern schaden kann. Dazu haben sich die Forschenden die bisherigen Ergebnisse aus Tierversuchen, Experimenten mit Zellkulturen und Beobachtungsstudien am Menschen (epidemiologische Studien) angeschaut.

Fluorid AufnahmeIn Tierversuchen wurde gezeigt, dass Fluorid in hoher Dosierung entwicklungs- und neurotoxische Wirkungen zeigen kann. Es wurden aber meist so hohe Fluoriddosen getestet, dass sie um mehrere Größenordnungen über den Expositionswerten beim Menschen lagen. Häufig erfüllen diese Studien auch die wissenschaftlichen Standards nicht. Für eine Risikoabschätzung können sie daher nicht verwendet werden.

Ein ähnliches Bild zeichnete sich bei der Auswertung der 26 analysierten Studien mit Zellkulturen. Die Fluoridkonzentrationen, die in den Studien an verschiedensten Nervenzellarten eine Wirkung auf den Stoffwechsel zeigten, lagen ebenfalls um mehrere Größenordnungen über den Fluoridkonzentrationen im menschlichen Blut.

Ergebnisse der epidemiologischen Studien widersprechen sich

Für den Zeitraum von 2012 bis 2019 konnten die Forschenden insgesamt 23 epidemiologische Studien identifizieren, die einen Zusammenhang zwischen der Fluoridaufnahme und der Intelligenz von Kindern untersuchten. 21 der 23 Studien deuten darauf hin, dass eine hohe Fluoridbelastung mit einem niedrigeren Intelligenzquotienten verbunden sein könnte.

"Die meisten der einbezogenen Studien sind aber methodisch zu schlecht angelegt, um einen Zusammenhang zu bestätigen. So werden verzerrende Faktoren wie der familiäre Sozialstatus, der Beitrag weiterer Fluoridquellen zur Exposition oder die Aufnahme von Neurotoxinen wie Arsen über das Trinkwasser unzureichend oder gar nicht berücksichtigt", erklärt IfADo-Toxikologe Prof. Jan Hengstler. Zudem beruhen fast alle Studien auf einer einmaligen Beobachtung der Intelligenz der Kinder in Gegenden, in denen Fluorid natürlicherweise in hohen, bzw. schwankenden Konzentrationen vorkommt. Für Daten, die einen Zusammenhang zwischen einer dauerhaften Fluoridaufnahme und der Entwicklung der Intelligenz beweisen, müssen Populationen aber über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.

"Wir konnten nur zwei solcher Längsschnittstudien unter den 23 finden. Sie kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen", fasst Jan Hengstler zusammen. Während die eine Studie keinen Zusammenhang feststellen konnte, schlussfolgerte die andere, dass höhere Fluoridexpositionen von Schwangeren mit leicht niedrigeren IQ-Werten der Söhne zusammenhängen. Für Mädchen konnte das allerdings nicht bestätigt werden, der IQ war teilweise höher.

Weitere Forschung für umfassende Risikobewertung

"Das aktuell verfügbare Wissen rechtfertigt nicht, Fluorid als entwicklungsneurotoxisch bei den Werten einzustufen, denen wir in Europa ausgesetzt sind", so Jan Hengstler. "Es ist noch weitere Forschung nötig, um eine umfassende Risikobewertung durchführen zu können. Wir brauchen etwa mehr qualitativ gute Tierstudien und Längsschnittstudien sowie eine systematischere Analyse des Fluoridgehalts der Quellen, denen wir in der EU ausgesetzt sind", sagt Jan Hengstler.

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Quelle: Leibniz-Institut für Arbeitsforschung (IfADo)