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28.01.2023

19.01.2023

Dankbar oder die Sache mit selbstverständlich?

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Blackout
Blackout (Quelle: pixabay)
Ich möchte diesen Beitrag mit einem Gedankenexperiment beginnen:

Wie würde ein Tag in unserem Leben ohne Elektrizität aussehen? Fangen wir klein an und weiten das Experiment großflächig aus: Der Morgen beginnt bereits schlecht, denn die Dusche ist kalt - nein, die Dusche fällt komplett weg, da die Wasserpumpen nicht funktionieren. Der Kaffee fällt aus, da weder der Wasserkocher noch die Kaffeemaschine laufen. Der Kühlschrank und die Gefriertruhe tauen binnen Stunden ab und alles Essbare würde verderben. Warmes Essen aus Ofen, Herd und Mikrowelle können wir erst einmal vergessen.

Homeoffice wäre nicht möglich, da das Internet ausfallen würde, Laptop und Computer würden nur für einige Stunden mit Akkubetrieb nutzbar sein. Die schmutzige Wäsche würde sich langsam aber sicher anhäufen, da die Waschmaschine ebenfalls ohne Strom nicht mehr funktioniert. Die ausgefallene Wasserzufuhr bedeutet auch, dass Toilettengänge nur noch ein paar Mal möglich wären, danach müsste man sich eine Alternative suchen. So viel zu den "kleineren" Problemen.

Auf dem Weg zur Arbeit gäbe es kein Vorankommen mehr, da ohne Strom die Ampeln ausfallen. Unfälle und Staus wären die Folge. Auch sämtliche elektrisch betriebenen Nah- und Fernverkehrsmittel würden liegen bleiben. Lebensmittel wären nur in Geschäften mit Notstromversorgung erhältlich. Die Ladenöffnung würde wahrscheinlich an das Tageslicht angepasst werden. Lüftungen, Heizungen und Kühlungen würden auch hier versagen. Kartenzahlung entfällt, nur noch Barzahlung wäre möglich, wenn die Kasse überhaupt noch funktioniert, da die Notstromaggregate nur für Kühlsysteme oder Notbeleuchtung einspringen würden. Bald würde es zu Versorgungsengpässen kommen, da die Verarbeitung von Lebensmitteln und Lieferungen nicht mehr sichergestellt sein würden. Dass Menschen bei Lieferengpässen in Panik ausbrechen und chaotisch alles Mögliche horten, wissen wir spätestens seit der Corona-Pandemie. Von der medizinischen Versorgung, die auf Elektrizität angewiesen ist, ganz zu schweigen. Bereits nach einem Tag würde unsere Infrastruktur zusammenbrechen. Apokalyptische Szenarien, wie wir sie nur aus Filmen kennen, würden eintreten.

Doch wie kam die Elektrizität in unsere Haushalte und unseren Alltag? Alles begann mit dem Engländer Michael Faraday, der 1821 eine erste einfache Elektrospule entwickelte. Auf dieser Grundlage patentierte Werner von Siemens 1866 seine Dynamomaschine, die erstmals die Erzeugung elektrischer Energie in größerem Umfang ermöglichte. Mit dieser Erfindung konnte endlich Strom hergestellt werden. Die breite Öffentlichkeit profitierte davon durch Thomas Edisons Erfindung, mit welcher er am 19. Januar 1883 zum ersten Mal ein ganzes Dorf zum Leuchten brachte. An diesem Tag wurde das erste standardisierte Glühlampensystem mit Oberleitungen in der amerikanischen Stadt Roselle in New Jersey errichtet und damit das erste Mal eine ganze Gemeinde mit Strom versorgt und beleuchtet. Mit seiner Erfindung inspirierte Edison andere Gemeinden auf elektrische Lichtsysteme umzusteigen und löste damit die Gaslampen ab. 140 Jahre später bestimmt die Elektrizität unsere Wohn- und Arbeitswelt und unseren Informationsfluss. Ohne Strom würden Verkehrschaos, Zusammenbruch der Logistik, Wirtschaft und Versorgung unser Leben beherrschen. Nach 140 Jahren ist die Magie der Elektrizität zu einer Selbstverständlichkeit des Alltags geworden. Das erinnert mich an das Zitat des deutschen Autors Andreas Hollemann, der sagte:

Staunen ist ein kostbarer Schatz, der sich nur da öffnet, wo die Selbstverständlichkeit (noch) nicht existiert.
Andreas Hollemann
Und dennoch gibt es Menschen, die tage- oder gar wochenlang ohne Elektrizität leben müssen und können. Das sind rund 1,2 Milliarden Menschen in Ländern wie etwa Indien, Afghanistan, Kambodscha, Kenia oder Sudan. Das geht aus einem Bericht der UN-Initiative Sustainable Energy for All hervor, den die Weltbank und die Internationale Energieagentur in New York vorstellten.

Ohne Strom zu kochen, zu waschen, zu arbeiten, zu lernen etc. gehört für viele Menschen auf der Welt zum Alltag. Was für uns selbstverständlich ist, ist für viele Menschen ein Segen. Ich selbst komme aus Afghanistan und habe die ersten zehn Jahre meines Lebens dort verbracht. Aus Erfahrung weiß ich, wie sehr man sich freut, wenn man nach Hause kommt, den Lichtschalter drückt und auch tatsächlich das Licht angeht. In unserem privilegierten Leben neigen wir häufig dazu, Sachen für so selbstverständlich zu halten, dass wir sie im Alltag gar nicht mehr wahrnehmen. Spätestens seit dem Beginn der Pandemie müssten wir doch wissen, wie schnell und mit welcher Härte Krisenzeiten auch uns erreichen können. Ich denke, wenn wir neue Perspektiven einnehmen, unseren Fokus intensiver auf so manche Selbstverständlichkeiten richten und bewusster und nachhaltiger leben, erreichen wir eine andere Dimension für Dankbarkeit und Wertschätzung. Denn selbstverständlich ist auf dieser Welt nichts.

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Autor: Zahra Halim


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