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03.10.2022

06.09.2022

Neue Analyse: Was besser hilft als Arbeitszeitverlängerung

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Pauschale Verlängerungen von wöchentlichen oder von Lebensarbeitszeiten können Engpässe bei Fachkräften verschärfen und sind deshalb nicht geeignet, Arbeitsmarktprobleme durch den demografischen Wandel zu reduzieren und die Sozialkassen zu stabilisieren.

Denn angesichts stark verdichteter Arbeitsabläufe und erheblicher psychischer und/oder körperlicher Belastungen an sehr vielen Arbeitsplätzen drohen bei weiter verlängerten Arbeitszeiten geringere Produktivität, vermehrte Leistungsreduzierung oder sogar Arbeitsausfall, etwa durch Unfälle oder Stress-assoziierte Erkrankungen, die wiederum zu höheren Sozialausgaben führen.

Andere Beschäftigte könnten mit einem Wechsel in Teilzeit reagieren - ein Muster, das beispielsweise in der Pflege längst zu beobachten ist und den Fachkräftemangel dort vergrößert. Generell längere Vollzeit-Arbeitszeiten würden für Eltern, insbesondere Mütter, die Probleme verschärfen, Erwerbs- und Familienarbeit zu vereinbaren - mangels Alternativen könnte dieser Druck ebenfalls zur Reduzierung der vereinbarten Arbeitszeit oder sogar zum kompletten Rückzug aus der Berufstätigkeit führen.

Junge Menschen in der Familiengründungsphase könnten noch höhere Vereinbarkeits-Hürden dazu bringen, auf Kinder zu verzichten. Zu diesen Ergebnissen kommen Dr. Eike Windscheid und Dr. Yvonne Lott in einer neuen Analyse der aktuellen Forschung.

Lott, Arbeitszeitforscherin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, und Arbeitssoziologe Windscheid identifizieren eine bessere Strategie gegen Personalengpässe, die unter anderem darauf beruht, die hohe Quote kurzer Teilzeit in Deutschland zu reduzieren, Qualifizierung und Gesunderhaltung im Arbeitsleben auszubauen und Vereinbarkeit weiter zu verbessern. Etwa 80 Prozent der vollzeitbeschäftigten Eltern wünschen sich kürzere Arbeitszeiten, um eine gleichberechtigte Erwerbsteilhabe leben zu können.

Dabei steht oft längere, "vollzeitnahe" Teilzeit für beide hoch im Kurs, so dass die Gesamtarbeitszeit pro Elternpaar substanziell länger sein kann als in der bisher unter Eltern weit verbreiteten Kombination von Vollzeit und kurzer Teilzeit. Ein wichtiges Instrument dafür sind so genannte Wahlarbeitszeiten, bei denen Beschäftigte auf Dauer und Lage der Arbeitszeit Einfluss nehmen können. Studien zeigen, dass über 80 Prozent der Beschäftigten, die solche Möglichkeiten haben, eine verbesserte Vereinbarkeit wahrnehmen. "Maßnahmen der Arbeitszeitverkürzung beziehungsweise flexible Arbeitszeitmodelle können attraktive Brücken in Erwerbstätigkeit bauen. Außerdem helfen sie, Beschäftigte langfristig gesund zu erhalten und Qualifizierung sicherzustellen", konstatieren die Forschenden.

Forschungslage: Hohe individuelle und gesellschaftliche Kosten durch lange Arbeitszeiten

Die vermeintlich simple Gleichung: "Längere Arbeitszeiten sorgen für höhere wirtschaftliche Leistung und mehr Geld in den Sozialkassen" funktioniert so nicht, zeigen die Forschenden anhand einer Reihe von Befunden aus Medizin und Arbeitswissenschaft. Und zwar nicht einmal auf kurze Sicht, wie Studien deutlich machen. So erhöhen lange Arbeitszeiten die Fehleranfälligkeit, auch Erschöpfung und Unfälle nehmen zu.

Bei Wochenarbeitszeiten über 40 Stunden geht beispielsweise mit einer Verkürzung um eine Stunde das Unfallrisiko um etwa acht Prozent zurück. Längerfristig sind lange Arbeitszeiten psychisch und physisch hoch belastend, was zu einem Anstieg an krankheitsbedingten Ausfällen führt. Oft müssen die verbliebenen Beschäftigten solche Ausfälle durch Mehrarbeit und Arbeitsverdichtung auffangen, was wiederum deren Gesundheitsrisiken vergrößert.

Über Jahre und Jahrzehnte einer Erwerbsbiografie hinweg kumulieren Arbeitsbelastungen, wobei sich Mehrfachbelastungen, etwa hohe physische Belastungen gepaart mit überlangen Arbeitszeiten, besonders negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirken - verschärft noch durch im Alter abnehmende Widerstandsfähigkeit.

Verlängerte Arbeitszeiten stellen darüber hinaus eine Hürde für die Verwirklichung von Kinderwünschen und zur Wahrnehmung von Sorgearbeit dar, betonen Lott und Windscheid. Gerade jüngere Eltern wünschen sich kürzere Arbeitszeiten, um Erwerbs- und Familienarbeit möglichst gleichberechtigt unter einen Hut zu bekommen. "Gefragt sind flexible Arbeitszeitmodelle, die einerseits Eltern einen frühen Wiedereinstieg in kurzer Teilzeit ermöglichen und andererseits vollzeitnahe Teilzeitmodelle beinhalten, in denen eine berufliche Weiterentwicklung möglich ist - und weder Stigmatisierung noch berufliche Nachteile zu befürchten sind."

Dass - meist weibliche - Beschäftigte in der Familienphase nicht den Anschluss verlieren, sei gerade auch im Interesse von Arbeitgebern, die ihre Fachkräftebasis sichern wollen, betonen die Forschenden. Eine Ausweitung von Arbeitszeiten stehe diesem Ziel noch auf einer anderen Ebene diametral entgegen: Um Beschäftigte für die Anforderungen der Arbeitswelt von morgen fit zu machen, ist es zentral, berufliche und betriebliche Qualifizierung auszubauen. Dies kollidiert jedoch mit langen Arbeitszeiten und vermindert die Motivation von Beschäftigten, sich (selbstständig) weiterzubilden.

"Die Befunde zeigen die fatale Wirkung einer generellen Verlängerung von Arbeitszeiten nicht nur für Beschäftigte und Betriebe, sondern auch für Sozialversicherungen auf", fassen Windscheid und Lott zusammen. "Überlange Arbeitszeiten erschweren Zugänge zu sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und provozieren einen höheren Drop-out, z. B. aus Gründen des Verschleißes oder aus Vereinbarkeitsproblemen. Das vermindert Sozialkassenbeiträge."

Die empirische Evidenz spreche daher für flexible Arbeitszeitmodelle, "um Beschäftigungsfähigkeit, Bildung und Geschlechtergerechtigkeit als Garanten für eine hohe, adäquate und nachhaltige Erwerbsbeteiligung in allen Gruppen sicherzustellen", schreiben die Fachleute. Daneben sei es wichtig, die oft pauschalen Arbeitgeber-Klagen über einen Mangel an Bewerbern richtig einzuordnen. Denn in einem erheblichen Teil der Fälle sei das Problem hausgemacht, weil schlechte Konditionen der offenen Stellen, etwa unattraktive Gehälter oder ungünstige Arbeitszeiten ohne Kompensation, abschreckten.

Die Alternativen: Aussichtsreichere Strategien gegen Personalengpässe

Windscheid und Lott identifizieren vier wesentliche Ansätze für eine erfolgreiche Fachkräftesicherung, die zu einer Gesamtstrategie zusammengeführt werden müssten:

Erstens: Aktivierung von Fachkräftepotenzialen

Bislang würde die Erschließung bestehender Fachkräftepotenziale vernachlässigt, kritisieren die Forschenden. Das gelte etwa für bereits qualifizierte Beschäftigte, für die eine Wiederaufnahme einer Tätigkeit in ihrem Stammberuf infrage kommt. Dafür sind aber etwa in sozialen Berufen mit großem Personalmangel substanzielle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen nötig.

In den Bereichen Alten- und Krankenpflege können sich beispielsweise mindestens 300.000 Fachkräfte, die ihre Arbeitszeit reduziert haben oder ganz aus dem Beruf ausgestiegen sind, eine Rückkehr vorstellen. Aber zu den Voraussetzungen gehören unter anderem deutlich verbesserte, verbindliche Personalschlüssel oder ein verbesserter Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Ein weiteres sehr wichtiges und ungenutztes Potenzial sind Teilzeitkräfte. Im internationalen Vergleich ist die Teilzeitquote in Deutschland hoch - in erster Linie, weil viele Frauen Teilzeit arbeiten, und das zudem oft mit geringen Stundenzahlen, vor allem in Minijobs. Umfragen zeigen, dass viele Teilzeitbeschäftigte gerne Stunden aufstocken würden.

Bei Auszubildenden wiederum bestehe weiterhin ein Missverhältnis: Der Zahl unbesetzter Stellen steht eine erhebliche Zahl an Bewerbern gegenüber, die sich vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemühen. Hier gelte es, ein besseres "Matching" herzustellen, etwa über verbesserte Berufsinformationssysteme. Auch Mobile Arbeit könne zu einer Verringerung von (räumlichen) Mismatches beitragen.

Auch jenseits von Erstausbildung oder Studium stelle Qualifizierung angesichts der anstehenden sozial-ökologischen Transformation einen immer wichtigeren Schlüssel zur Aktivierung von Fachkräftepotenzialen und zur Erhöhung der Erwerbsquote insgesamt dar, so die Forschenden. Viele Menschen könnten durch Qualifizierung und Weiterbildungen als Fachkräfte gewonnen werden, etwa erwerbslose Personen und Jobsuchende, Personen ohne schulischen bzw. berufsqualifizierenden Abschluss.

Zweitens: Arbeitszeiten Vereinbarkeits- und altersgerecht gestalten

Die gute Nachricht: In vielen Familien mit Kindern können und wollen beide Elternteile einer qualifizierten Erwerbsarbeit nachgehen, was das Fachkräftepotenzial erhöht. Doch Voraussetzung dafür ist auch, dass beide Beruf und familiäre Verpflichtungen (vor allem Kinderbetreuung und Pflege) miteinander vereinbaren können. Als wichtige Option dafür bewerten Lott und Windscheid in Übereinstimmung mit vielen anderen Forschenden so genannte Wahlarbeitszeiten, die individuelle Mitbestimmung bei Lage und Dauer von Arbeitszeiten ermöglichen. Solche Arbeitszeitmodelle können zudem Erwerbsarbeit für ältere Arbeitnehmer attraktiver machen.

Drittens: Gesunderhaltung und Prävention

Corona hat es überdeutlich gemacht: Ganz wesentlich für die Vermeidung von Personalengpässen ist es, die Gesundheit von Beschäftigten zu schützen. Und das gilt auch jenseits von Pandemien, betonen Lott und Windscheid. Ein wichtiges Instrument dafür ist die flächendeckende Umsetzung von Gefährdungsbeurteilungen, die arbeits-bezogene Belastungen identifizieren können und sie bearbeitbar machen.

Um ein "Älterwerden im Betrieb" zu gewährleisten und die Leistung erfahrener Beschäftigter zu erhalten, ist es darüber hinaus nötig, Arbeitsplätze alternsgerecht zu gestalten. Studien, die Netzwerke und Allianzen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit analysiert haben, zeigen schließlich, dass eine breite Kooperation zwischen Betrieben, Sozialversicherungsträgern, staatlicher Arbeitsschutzaufsicht und Betriebs- und Arbeitsmediziner helfen kann, die nachhaltige Gesunderhaltung von Beschäftigten zu fördern und so das Erwerbspotenzial auch in Zukunft zu nutzen.

Viertens: Stabilisierung von Sozialkassen

Für die Stärkung der Sozialversicherungen kommt nach Analyse der Forschenden als sozial gerechte Alternative zur generellen Ausweitung von Arbeitszeiten ein Modell in Betracht, wie es in Österreich üblich ist: eine Versicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen - sowohl Arbeitnehmer als auch Beamte und Selbstständige. Dies führe nicht nur zu einer besseren Finanzierung der Kassen und einer Entschärfung von sozialen Ungleichheiten, sondern auch zu insgesamt höheren Rentenzahlungen. Ein weiterer wichtiger Baustein sei die Erhöhung der Erwerbsquote, z. B. bei Müttern. Würde die Erwerbstätigkeit von Frauen erhöht und Unterbeschäftigung verhindert, könnten viele Finanzierungsprobleme der Rentenversicherung gelöst werden, schreiben Lott und Windscheid.

» Weiterführende Informationen

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung