Analytik NEWS
Das Online-Labormagazin
08.12.2022

12.04.2022

Digitalisierung ist keine Magie

Teilen:


Digitalisierung
Wie gelingt Digitalisierung? (Pixabay [CCO])
Digitalisierung ist ein sogenanntes "Buzzword", das immer wieder durch die Gazetten hallt und gefühlt alle aktuellen Probleme auf einen Schlag lösen kann. Dieser neudeutsche Ausdruck für "Schlagwort" soll einem Thema besondere Bedeutung oder sogar eine gewissen Magie verleihen.

Genauso klingen vielen Ankündigungen wie "Wir müssen das Bildungssystem digitalisieren!", "Wir brauchen mehr Digitalisierung im Gesundheitssystem!" oder wenn die "Digitale Verwaltung" angekündigt wird, die mir Behördengänge und Wartezeiten ersparen soll.

Die Pandemie hat hier sicher einiges verbessert oder sogar erst möglich gemacht, was vorher undenkbar war. Aber bei einem 100-Meter-Lauf sind wir leider immer noch nicht über die ersten Meter hinausgekommen. So Mancher denkt vielleicht auch, dass wir nach dem Start vergessen haben, loszulaufen.

Denn wenn Flüchtlinge aus der Ukraine sich verwundert die Augen reiben, dass sie hier in einem total veralteten und ineffizienten System registriert werden sollen, das dauernd abstürzt, dann ist das nur noch peinlich für ein selbsternanntes fortschrittliches Land. Auch dass sie erst viel Papier ausfüllen müssen, welches dann jemand wieder händisch erfassen muss, sorgt für weiteres ungläubiges Staunen.

Im Gegenzug sind wir hier mehr als perplex, dass die Kinder von Geflüchteten online von der Ukraine aus per Homeschooling unterrichtet werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Internetverbindungen stabil und vor allem schnell genug sind, wobei mögliche Probleme trotz Krieg wahrscheinlich eher nicht in der Ukraine entstehen werden.

Genauso irrwitzig fand ich eine Meldung, dass unsere Corona-Impfzentren die ganzen Aufklärungsbögen, die wir immer brav bei jeder Impfung ausgedruckt oder vor Ort nochmal ausgefüllt haben, weil es ein Update gab, jetzt demnächst einscannen wollen, damit sie digitalisiert sind. Da fragt sich der Außenstehende, was das bringen soll? Ein Impfregister ist nicht geplant und wird wegen Datenschutzbedenken sicher niemals Realität werden. Wie viele handschriftliche Eintragungen werden beim Scannen nicht erkannt? Was soll das Ganze kosten? Könnte man mit diesem Geld nicht viel sinnvollere Projekte zur Digitalisierung angehen?

Wenn in einem Impfzentrum etwas digitalisiert gehört hätte, dann von Anfang an die Ausstellung digitaler Impfausweise und die Registrierung aller Impfungen in einem zentralen System. Dann wüssten wir besser, wie hoch die Impfquote ist, es hätte Fälschungen deutlich erschwert und Apotheken viel Arbeit und teilweise auch Ärger erspart. Auch hätte man die PDF-Dateien der Aufklärungsbögen so gestalten können, dass man sie am PC hätte ausfüllen können, um so Fehler bei der Lesbarkeit zu vermeiden. Aber dass es diese Möglichkeit gibt, war den zuständigen Stellen wahrscheinlich (noch) nicht bekannt. Am Aufwand dafür kann es sicher nicht gelegen haben!

Das wäre alles sicher nach dem Geschmack des preisgekrönten Buchautors George Westerman gewesen, der uns das folgende wunderbare Zitat geschenkt hat. Bei vielen Digitalisierungsprojekten hierzulande wäre die Raupe leider vor der Verpuppung eingegangen, um im Bild zu bleiben:

Wenn man Digitalisierung richtig betreibt, wird aus einer Raupe ein Schmetterling. Wenn man es nicht richtig macht, hat man bestenfalls eine schnellere Raupe.
George Westerman (*1963)

Wenn mir von der Pandemie etwas in Erinnerung bleiben wird, dann sind es sicher die gelben Impfbücher als Symbol einer ungenügenden Digitalisierung, die ganz nebenbei auch viel Geld vernichtet hat. Und die sinnlosen Papierberge für Aufklärungsbögen, die sowieso kaum jemand gelesen hat. Es wäre wirklich interessant zu wissen, wie hoch dieser Berg wäre! Und welche CO2-Emission er verursacht hat.

» mehr über George Westerman

Autor: Dr. Torsten Beyer


» Kommentieren