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23.05.2022

10.03.2022

Ist das Kunst oder kann das weg?

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Basenpaare der DNA
Grafik: Store norske leksikon [CCO]
Bei meiner Nachrichtenrecherche stolpere ich immer wieder über Meldungen, die nachdenklich machen, zum Schmunzeln anregen oder Kopfschütteln verursachen. Eine Mischung aus den beiden letztgenannten Reaktionen überfiel mich beim Lesen einer Nachricht der Universität des Saarlandes: "Eigenes Genom auf mehr als 300.000 Seiten ausgedruckt: Künstlerin kooperiert mit Bioinformatiker" lautet die Meldung, die mich neugierig machte.

Inhaltlich geht es in dem Projekt der Berliner Künstlerin Alicja Kwade darum, die Dimensionen des menschlichen Genoms zu verdeutlichen. Eine durchaus interessante Idee, besteht doch unser Genom aus mehr als 3 Milliarden Basenpaaren, also einer 3 mit 9 Nullen. Wobei diese Zahl eher für Künstler als für Naturwissenschaftler abstrakt ist. Schließlich hantieren Chemiker - seit sich Amedeo Avogadro im frühen 19. Jahrhundert mit dem Volumen von Gasen beschäftigte - nahezu täglich mit den Größenordnungen 1023 oder auch 10-24.

Die genannte Künstlerin ließ ihr Genom mit Hilfe eines DNA-Sachverständigen des LKA Nordrheinwestfalen analysieren, von Bioinformatikern datentechnisch verarbeiten und letztendlich ausdrucken, um es in ihrer Ausstellung "In Abwesenheit" in Berlin zu präsentieren. Der Ausdruck des Genoms umfasst unvorstellbare 314.000 DIN A4-Seiten, von denen 12.000 im Raum aufgehängt und die übrigen in Stapeln verteilt ausgestellt werden.

Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten. Auch wenn ich in der Documenta-Stadt Kassel aufgewachsen bin und schon vieles an moderner Kunst gesehen - und ehrlich gesagt nur weniges verstanden - habe, bereitet mir diesem Kunstwerk doch erhebliche Probleme: Alle Welt redet von Nachhaltigkeit, Reduzierung des CO2-Ausstoßes und Ressourcenschonung.

Während andere sich im "papierlosen Büro" versuchen, verursacht dieses Projekt, grob gerechnet und ausgehend von Standard-Kopierpapier, einen Berg mit einem Gewicht von mehr als 1,5 Tonnen. Rechnet man weiter, so wurden für diesen Berg etwas mehr als fünf 25 Meter hohe Fichten mit einem Stamm von 40 cm Durchmesser benötigt. Um so groß zu werden, muss eine Fichte mehr als 80 Jahre wachsen. Noch gar nicht eingerechnet sind der Energie- und Wasserbedarf, der zur Herstellung des Papiers benötigt wird. Hoffentlich hat sich die Künstlerin wenigstens mit Recyclingpapier zufriedengegeben.

Kunst ist Geschmackssache und darf hinterfragt werden. Ich persönlich hätte auf den Ausdruck der Daten verzichtet und nach einer anderen Möglichkeit der Präsentation gesucht. Daher halte ich es in diesem Fall mit dem Schweizer Journalist Walter Ludin und meine:

Manche finden den Sinn des Lebens darin, Unsinn zu produzieren.
Walter Ludin (*1945)

» Link zur Ausstellung "In Abwesenheit"

» Die Gier nach Papier und ihre Folgen

» Buchtipp: W. Ludin "Einfach ins Blaue"

Autor: Anke Fähnrich


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