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Das Online-Labormagazin
05.12.2020

29.10.2020

Es ist Spekulatius-Zeit


Spekulatius-Gebäck
Spekulatius-Gebäck (Pixabay [CCO])
Jeder kennt das leckere Gebäck, das dank seiner besonderen Aromenkombination aus Zimt, Nelken und Kardamom in unseren Breiten primär in der Adventszeit konsumiert wird. Woher der ungewöhnliche Name kommt, ist nicht genau geklärt. Mir geht es hier heute auch um die vielen Spekulationen, die nicht erst seit COVID-19 unseren Alltag dominieren und bei denen man sich ernsthaft fragt, wo sie herkommen und wem sie nutzen.

Damit meine ich nicht nur irgendwelche Verschwörungstheorien, wie beispielsweise die, dass Bill Gates, der übrigens am 28. Oktober 65 Jahre alt wurde, der Urheber der Pandemie ist, sondern auch alle wissenschaftlich fundierten Vorhersagen, wie sorgfältig auch immer sie gemacht wurden.

Es wurde schon immer viel spekuliert, insbesondere, was zukünftige Entwicklungen angeht. Früher hatten wir in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer, die alle genau sagen konnten, mit welcher Mannschaft Jogi Löw am besten antreten soll, damit "wir" das nächste Länderspiel gewinnen. Das waren übrigens die gleichen, die nach einer Niederlage wussten, warum die Aufstellung falsch war. "Nachher ist man immer schlauer" ist eine sehr zutreffende Lebensweisheit. Oder gibt es auch nur einen, der 2014 das 7:1 im WM-Halbfinale gegen Brasilien prognostiziert hatte?

Im Jahr 2020 sind wir ein Land von 82 Millionen Virologen geworden, die alle genau wissen, wie die Pandemie besiegt werden kann. Oder dass eigentlich alles halb so schlimm ist und sich die Leute die anderen (besser alle? Wer sind denn die anderen?) nicht so anstellen sollen und dass der angekündigte "Lockdown light" ja sowieso nichts bringt. Leider ist das Leben nie so einfach, auch wenn alle Verschwörungstheorien suggerieren, dass es immer genau die eine Ursache für ein Problem gibt, also beispielsweise Bill Gates. Fatalerweise nehmen - bestärkt durch Soziale Medien und Filterblasen - viel zu viele Menschen solche kruden Theorien ernst, weil sie einfach zu verstehen sind. Daher ist es umso wichtiger, dass Politiker und Virologen alle Maßnahmen und Entscheidungen in einfachen Worten erklären, damit es jeder verstehen kann. Denn was man versteht, sieht man eher ein als wenn man denkt, es geht den Verantwortlichen nur wieder um Positionsspielchen und Profilierungen.

Jemand hat kürzlich scherzhaft behauptet, dass Microsoft doch ein Update auf COVID-20 herausbringen solle und weil danach nichts mehr funktioniere, würde das Virus inaktiv. Dann könnten wir wieder so leben wie vorher. Das ist natürlich genauso blödsinnig, aber man kann hoffentlich (noch) darüber lachen, wenn man bisher selbst nicht von der Krankheit betroffen war. Trotzdem würde ich sehr gerne daran glauben, Sie nicht?

Niemand kann in die Zukunft blicken, bestenfalls kann man aufgrund aktuell bekannter Rahmenparameter mehr oder weniger gute Prognosen abgeben. Das erleben wir täglich mit dem Wetterbericht, wenn jemand eine neue Synthese erstmals erprobt oder ein potenzieller Impfstoffkandidat getestet wird. Vieles kann man nicht exakt prognostizieren und wird es auch niemals können. Das sind naturwissenschaftliche Grundgesetze, auch wenn es schwerfällt, dies zu akzeptieren und wir daher vielleicht in Versuchung kommen, doch einer einfachen Verschwörungstheorie auf den Leim zu gehen.

Baroness Susan Greenfield, eine britische Hirnforscherin, Schriftstellerin und Mitglied des House of Lords hat in diesem Kontext ein schönes Zitat geprägt, das sich für viele Fragestellungen im täglichen Leben anwenden lässt. Sie ist Politikerin, Wissenschaftlerin, Geschichtenerzählerin und Mitglied des adligen Establishments in einer Person und weiß es daher aus ihrer täglichen Praxis besser als viele andere:

Wie immer im Leben wollen die Menschen eine einfache Antwort... und es ist immer falsch.
Susan Greenfield (*1950)

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Autor: Dr. Torsten Beyer


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