12.07.2019

Perfluorierte Alkylsubstanzen zwischen Nutzen und Risiko



Mehr als 4700 Substanzen zählen zur Gruppe der perfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS), auch perfluorierte Tenside genannt. Seit den 50er Jahren werden sie vielfältig in der industriellen Produktion eingesetzt, etwa in Haushaltsprodukten, Kosmetika oder Textilien.

Geschätzt werden sie für ihre positiven Eigenschaften, denn sie sind fett- und wasserabweisend und zudem thermisch stabil. Allerdings sind sie für Umwelt und Mensch problematisch, da viele Substanzen toxisch und langlebig sind.

Experten des Umweltbundesamts beleuchteten im Rahmen eines Fachgesprächs Ende Juni 2019 in Wien die Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe "Fachgespräche Umwelt und Gesundheit" statt, in der das Umweltbundesamt ausgewählte Stoffgruppen oder Themen und ihre Bedeutung für Umwelt und Mensch behandelt.

Einsatzgebiet: Haushalt, Textilien, Kosmetika u.v.m.

Umweltbundesamt-Toxikologin Christina Hartmann informierte über das breite Einsatzgebiet von PFAS. Sie finden sich in Schmiermitteln für KFZ, in Beschichtungen für Kabel und Leitungen, in Isolierungen, Flammschutzmitteln und Feuerlöschmitteln und werden in industriellen Prozessen verwendet. Auch der Medizinbereich nutzt ihre positiven Eigenschaften - so sind sie in Implantaten genauso zu finden wie in chirurgischen Pflastern. Auch in vielen Haushaltsprodukten werden sie eingesetzt, wie etwa in Lebensmittel-Kontaktmaterialien, Antihaftbeschichtungen und Papier. Auch für Outdoor-Bekleidung und Lederprodukte werden viele der Substanzen genutzt, ebenso für Kosmetika.

Die Expertin stellte u.a. die Studie einer US-amerikanischen NGO vor. Bei einer Untersuchung wurden13 verschiedene PFAS in 200 Produkten von 28 verschiedenen. Marken gefunden. Eine weitere Untersuchung von Lebensmittel-Kontaktmaterialien zeigt, dass die Konzentrationen einzelner PFAS in der Verpackung von Mikrowellenpopcorn und von Butter relativ hoch sind sowie in beschichteten Kochutensilien und Teflonpfannen.

PFAS findet man überall in der Umwelt, ob in Abwässern, im Grundwasser, Klärschlamm, Kompost, in Acker-, Grünland- und Waldböden oder in entlegenen, hochalpinen Seen und in Fischen. Umweltbundesamt-Experte Manfred Clara stellte die Ergebnisse einer Untersuchung des BMNT von 65 Grundwassermessstellen in Österreich vor. In rund 27 % der untersuchten Proben wurden zwei Substanzen (PFOS und PFOA) über einer Konzentration von 0,001 µg/L nachgewiesen.

Die Ergebnisse stimmen mit Erhebungen in anderen europäischen Ländern überein. Eine weitere Untersuchung industrieller und kommunaler Abwässer in Österreich zeigte, dass die Konzentrationen im Jahr 2016 deutlich geringer waren als noch im Jahr 2005. Dies wird vom Experten auf die Wirksamkeit von regulatorischen Maßnahmen zurückgeführt.

PFAS gelangen auf vielfältige Weise in die Umwelt, bei der Herstellung können sie in Luft und Wasser gelangen, der Boden kann durch die Ausbringung von kontaminiertem Klärschlämm als Dünger belastet werden. Auch bei der Entsorgung von PFAS-hältigen Produkten und durch das Waschen von behandelten Textilien kann es zu einer Belastung für die Umwelt kommen. Ein wesentlicher Eintragspfad sind jedenfalls Abwassereinleitungen.

Derzeit sind in Gewässern keine gesetzlich verbindlichen Grenzwerte für perfluorierte Alkylsubstanzen in der Umwelt vorgegeben. PFOS ist jedoch ein prioritärer Stoff nach Wasserrahmenrichtlinie und es sind Umweltqualitätsnormen für Fische und für Wasser festgelegt. In einigen Gewässern sind PFOS-Werte in Fischen höher als die Umweltqualitätsnorm.

PFAS im Menschen - Untersuchungen in Österreich und der EU

Umweltbundesamt-Toxikologin Maria Uhl stellte mehrere Studien vor, in denen PFAS im Menschen nachgewiesen wurde, etwa im Blut von 40 Müttern und ihren Kindern aus Bratislava und Wien aus dem Jahr 2012. In einer aktuellen Erhebung untersucht das Umweltbundesamt Blut und Plazenta von 150 Mutter-Kind Paaren aus St. Pölten, Tulln und Wien; bislang konnten 8 verschiedene PFAS nachgewiesen werden.

Üblicherweise erfolgt der Nachweis im Rahmen von Human-Biomonitoring durch Untersuchung des Serums. In einer aktuellen Pilotstudie ist es den Umweltbundesamt-Experten gelungen, eine Methode für die Analyse von Harn zu entwickeln. Bei allen elf Probanden wurden die Substanzen PFHxA, PFOA, PFOS und PFNA gefunden, aber auch PFPeA, PFHxS und PFHpA wurden in 8 bzw. 10 Personen nachgewiesen. Maria Uhl erläuterte die Wirkung einzelner Substanzen wie PFOS und PFOA auf den Menschen: sie werden erst nach Jahren aus dem Körper ausgeschieden, haben negative Auswirkungen auf die Leber, den Fettstoffwechsel, die Reproduktion, das Immunsystem und die Schilddrüse.

Im Rahmen der europäischen Human-Biomonintoring Initiative HBM4EU wird bis zum Jahr 2021 der Belastung der EU-Bevölkerung mit einzelnen PFAS sowie der gesundheitlichen Risiken nachgegangen. Darüber hinaus wies die Expertin auf die Langlebigkeit der Substanzgruppe, auf die unbekannten Wirkungen von PFAS-Substituten hin, auf die Mechanismen der Schadwirkungen, die Irreversibilität der Exposition und Wirkungen und mögliche Additions-Effekte hin.

Rechtliche Regelungen für PFAS

Umweltbundesamt-Expertin Ingrid Hauzenberger stellte die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Substanzgruppe vor. Einzelne PFAS sind in der Stockholm-Konvention geregelt, allerdings mit vielen Ausnahmeregelungen. Mit dem im Rahmen von REACH entwickeltem sogenannten "Arrow head" Ansatz werden auch zahlreiche Vorläuferverbindungen erfasst.

Im Rahmen der REACH-Verordnung sind einzelne PFAS und deren zahlreiche Vorläufersubstanzen geregelt. Derzeit wird die EU-Trinkwasserrichtlinie überarbeitet, im aktuellen Entwurf ist laut Expertin ein Grenzwert für PFAS enthalten. Derzeit arbeiten Experten aus mehreren Mitgliedstaaten an einem PFAS-Aktionsplan, um die Risiken im Zusammenhang mit der gesamten Stoffgruppe, die durch die Belastung der Umwelt und des Menschen in allen Phasen des Lebenszyklus entsteht, so gering wie möglich zu halten.

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Quelle: Umweltbundesamt Österreich




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