30.10.2019

Ein Hoch auf Nichts


geliebte Null
Bild: Pixabay [CCO]
Die Null findet in unserem heutigen Alltag recht wenig Beachtung. Genaugenommen führt sie ein Schattendasein, schließlich hat sie ja keinen Wert. Mit "Null" bezeichnet man gerne mal den Totalversager, eine "Nullnummer" ist eine sinnlose Aktion und wer "Null Plan" hat, der weiß noch weniger als Nichts. Bereits die nachfolgende Zahl, die Eins, hat es da erheblich leichter! Sie ist als beste Schulnote ausgesprochen beliebt und auch die Nummer Eins der Hitlisten oder Bewertungsportale hat viele Fans.

Das ist schon ein bisschen ungerecht, wie ich finde, und hat mich dazu bewogen, eine Lanze für die Null zu brechen. Wenn man sich mit ihr beschäftigt, ist sie nämlich ausgesprochen interessant:

Wussten Sie schon, dass es sich bei der Null um eine Zahl mit Migrationshintergrund handelt? Mit der ersten Jahrtausendwende brachte der sich von Arabien ausbreitende Islam die Null nach Spanien und von dort aus langsam aber sicher in das sich im Aufschwung befindliche italienische Bankenwesen. Hier etablierte sie sich als Grenze zwischen Soll und Haben. Zunächst als Platzhalter für eine Leerstelle angewandt, erwies sie sich nach und nach europaweit als ausgesprochen nutzbringend für die Darstellung von Zahlwerten.

Vormals wurde die Zahl Einhundertzwei hierzulande als 1 2 geschrieben, wodurch es leicht zu Verwirrung kommen konnte, ob der Zwischenraum zwischen 1 und 2 beabsichtigt oder durch ungenaues Schreiben entstanden war. Man kann sich vorstellen, welches Konfliktpotenzial sich hier verbarg. Schließlich macht es einen erheblichen Unterschied, ob ich 12 oder 102 Geldstücke für etwas bezahlen muss, oder ob ich mein Ziel bereits nach 12 oder erst nach 102 Kilometern erreiche. Mit Einführung der 0 als Platzhalter können wir heute solchen Reibereien problemlos aus dem Weg gehen.

Zu verdanken haben wir diese Errungenschaft unter anderem dem italienischen Kaufmann Leonardo Fibonacci, der in seinen Schriften zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Vorteile der Null als Zahl beim kaufmännischen Rechnen darlegte und dem viel zitierten Rechenmeister der Renaissance Adam Ries, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Null in unseren Breitengraden weiter etablierte.

Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton entwickelten mit Hilfe der Null in den 1770er Jahren unabhängig voneinander die Infinitesimal-Rechnung. Auch die Informatiker der heutigen Zeit werden mir Zustimmen, dass die Zahl Null mindestens genauso bedeutsam und wichtig ist, wie die Zahl Eins.

Wir merken also: sowohl in der Welt der Zahlen als auch in der Alltagswelt darf man die Null nicht unterschätzen! Kann in der Mathematik eine fehlende oder überzählige Null das ganze Ergebnis verfälschen, so kann eine Null in der Politik oder an anderer entscheidender Stelle durchaus gehöriges Unheil anrichten.

Man sollte also die Nullen, die einen umgeben, stets gut im Blick haben. So wie es der Satiriker und Journalisten Gabriel Laub gesagt haben soll:
Schon die Mathematik lehrt uns, dass man Nullen nicht übersehen darf.
Gabriel Laub (1928-1998)

» Robert Kaplan "Die Geschichte der Null"

» Mehr über Gabriel Laub

Autor: Anke Fähnrich


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