26.09.2019

Deutschland, wo sind deine Existenzgründer?


Die Zahl der Selbständigen wie auch die Zahl der Existenzgründungen ist in Deutschland seit Jahren rückläufig. Die Gründe dafür sind vielschichtig, wie auch der kürzlich veröffentlichte Gründungsreport 2019 des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) belegt. Dazu werden regelmäßig die Teilnehmer von Gründungsseminaren nach ihren Problemen und Wünschen befragt.

57 Prozent der Befragten beklagen zu viel Bürokratie beispielsweise bei Genehmigungen, Steuerfragen, Förderanträgen oder der Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Problematisch wird auch die oft schlechte Internet-Infrastruktur insbesondere in ländlichen Räumen, eine zu hohen Steuerbelastung in den Gründerjahren und schlechter Zugang zu Fremdkapital beurteilt.

Hemmnisse bei Existenzgründungen
Quelle: DIHK-Gründerreport 2019

Im europäischen Schnitt gibt es in Deutschland nur eine unterdurchschnittliche Zahl an Firmengründungen pro Jahr. Das liegt vielleicht am typisch deutschen Sicherheitsdenken - wir bevorzugen ein Sparbuch, auch wenn es mit Strafzinsen belegt ist, anstatt Aktien zu kaufen. Viele zahlen immer noch lieber bar als mit EC- oder Kreditkarte und die Überweisung und die Lastschrift sind im Zeitalter der Digitalisierung immer noch unsere beliebtesten Zahlungsmittel.

Außerdem hält die lang anhaltende gute Lage am Arbeitsmarkt viele Arbeitnehmer an ihrem sicheren Arbeitsverhältnis und vermindert den Druck, den unsicheren Sprung in die Selbständigkeit zu wagen. Und wenn, dann eher nur im Nebenerwerb. Auch, dass als die Hälfte aller neu gegründeten Unternehmen die ersten fünf Jahre nicht übersteht, hält viele von diesem Schritt ab. In den USA gibt es übrigens pro Tausend Einwohner mehr als dreimal so viele Existenzgründungen wie in Deutschland.

Wie aus dem Gründungsreport (oder woher hast du die Zahlen?) zu entnehmen ist, startet mehr als ein Drittel aller Gründer mit weniger als 5.000 Euro Eigenkapital und die Hälfte hat gerade mal 10.000 Euro Rücklagen, die durch Büromiete und -einrichtung, Homepage oder Werbung sehr schnell aufgebraucht sind. Denn dass die Aufträge von Anfang an sprießen ist eines der größten Missverständnisse, denen naive Gründer erliegen können.

Fehlende betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Selbstüberschätzung, mangelnder Rückhalt in der Familie und der falsche Ehrgeiz, alles selbst machen zu wollen, um Geld zu sparen - vom Design der eigenen Webseite bis zu der Steuererklärung - , sind weitere Gründe für ein frühes Scheitern. Denn so hat man kaum Möglichkeiten, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Ein Arbeitstag hat maximal 16 Stunden und auf die Dauer ist ein solches Leben natürlich auch ungesund und schädlich für Beziehungen und das Familienleben.

Das alles schreckt viele potenzielle Existenzgründer ab und sie bleiben lieber bei ihrem geregelten 8-Stundentag mit vielen Benefits wie Gleitzeit, Homeoffice, Elternzeit etc. Davon kann die überwiegende Mehrheit der Existenzgründer in den Anfangsjahren leider nur träumen! Was Goethe schon vor 200 Jahren wusste, würde auch ich mit 21 1/2 "Erfahrungsjahren" in der Selbständigkeit voll und ganz unterschreiben:

Wer andere zu leiten strebt, muss fähig sein, viel zu entbehren.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Ich hatte das Glück, den meisten Fallstricken aus dem Weg gehen zu können, wobei jeder Existenzgründer in den ersten Jahren auch schmerzhafte Erfahrungen macht. Aber ich würde nicht mehr in ein Angestellten-Verhältnis zurückwollen, das weiß ich seit einem kurzen "Test" vor mehr als 16 Jahren. Daher ermutige ich jeden Absolventen oder unzufriedenen Arbeitnehmer, den Weg in die Selbständigkeit ernsthaft zu prüfen. Es kann auch gut gehen!

» DIHK-Gründerreport 2019

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» Warum Existenzgründer scheitern

Autor: Dr. Torsten Beyer


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