19.06.2019

Bitte keine Pauschalurteile!


Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist
(Quelle: Wikidedia [CC0])
Viele Berufsgruppen haben ein bestimmtes Image bzw. rufen bei anderen Menschen bestimmte Assoziationen hervor. Jeder, der wie ich Chemie studiert hat, kennt die manchmal doch merkwürdigen Reaktionen, wenn man auf die Frage, was man denn studiert habe, mit "Chemie" antwortet.

"Oh ja, das fand ich immer so schwer!" ist noch die harmloseste und netteste Antwort. Oft kommt "Das habe ich als erstes abgewählt!", "Wie kann man nur so etwas studieren?" oder "Da habe ich nie etwas im Unterricht verstanden.". Ich antworte dann meistens "Chemie ist überall drin!", "Jemand muss ja die Welt retten!" oder "Nur so versteht man die komplizierten Zusammenhänge in der Natur!", aber das hilft oft nicht weiter.

Man ist mit einem solchen Studienfach einfach negativ belastet oder als Sonderling abgestempelt. Die einzigen, die einem eine gewisse Bewunderung entgegenbringen sind die Mediziner, die ja "damals dieses sehr schwere Praktikum in Chemie" machen mussten. Das führt dann immer zu netten Gesprächen bei Arztterminen ...

Auch sagt man den Naturwissenschaftlern generell ja eine gewisse Weltfremdheit nach. Das berühmte Bild des Experimentators in seinem stillen Kämmerlein, der allen weltlichen Freuden entsagt, um irgendetwas herzustellen, was dann sowieso niemand versteht, hängt uns einfach an.

Wie alle Pauschalurteile und Klischees, die man einer bestimmten Personengruppe zuordnet, ist auch dieses natürlich falsch. Es gibt nicht die Chemiker, die Jungen, die Politiker oder die Künstler etc. Ich habe als Chemiker sogar knapp ein Jahr in der Werbeabteilung eines großen Farbenherstellers gearbeitet und betreibe eine Webseite, die sich über Werbung finanziert, was beides so gar nicht in das Bild des weltfremden Forschers in seinem Elfenbeinturm passt.

Solche Vorurteile sind allerdings nicht neu wie das folgende Zitat des deutschen Dramatikers, Erzählers, Lyrikers und Publizisten Heinrich von Kleist beweist, der laut Wikipedia selbst als "Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit ... jenseits der etablierten Lager" galt.

Bei den Küssen seines Weibes denkt ein echter Chemiker nichts, als dass ihr Atem Stickgas und Kohlenstoffgas ist.
Heinrich von Kleist (1777-1811)

Er hätte es (daher) eigentlich besser wissen müssen; und wissenschaftlich passiert bei einem Kuss in der Tat noch ein bisschen mehr wie das Chemiker-Ehepaar Dr. Gabriele und Rolf Froböse in Ihrem Buch "Lust und Liebe - alles nur Chemie?" auf über 200 Seiten ausführlich beschreiben. Leider kann Kleist das nicht mehr lesen.

Generell wäre es schön, wenn auch in aktuellen Diskussionen nicht immer alles über einen Kamm geschert würde und man die Dinge etwas mehr diversifiziert. Denn die Welt ist leider nicht so einfach, wie manche sie machen wollen.

» mehr über Heinrich von Kleist

» Lust und Liebe - alles nur Chemie? (ISBN 9783527308231)

Autor: Dr. Torsten Beyer


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anonym22.07.2019 um 07:52:58

Wer bei Chemikern in einem Diagnostiklabor, in der Bewertung der Produktsicherheit oder der Herstellung von Kunststoffen an Begriffe wie Weltfremdheit denkt, dem kann man auch nicht mehr helfen.




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